210  Deutschland  nach  dem  Interregunm.

während  Frankreich,  das  bisher  für  alle  Gattungen  der  Ritter=  und  Liebesdichtung  die
Muster  und  Vorbilder  geschaffen,  zurückblieb  und  nach  einigen  glücklichen  Versuchen  in  eine
mitunter  derbe  und  mutwillige  Volkspoesie  in  der  Kunstdichtung  einlenkte.  Dagegen  blieb
der  befähigten  französischen  Nation  der  Ruhm,  aus  den  Mysterien  und  Mirakeln  des  Mittelalters
  die  moderne  dramatische  Kunst  zur  Entwickelung  geführt  zu  haben.  Früher  als  in
andern  Ländern  wußten  die  französischen  Bruderschaften  sich  von  den  Banden  der  kirchlichen
  Konvention  und  der  typischen  Charakteristik  zu  befreien  und  in  die  traditionellen
Formen  und  Figuren  der  religiösen  Schauspiele  weltliche  Namen  und  Personen  einzusügen.
  Am  Ende  des  Mittelalters  finden  wir  in  Paris  die  Bühnendarstellungen  bereits
in  eine  ernste  und  komische  Gattung  geschieden  und  dadurch  die  Saat  zur  weiteren  Entwickelung
  ausgestreut."“

Von  den  beiden  gewaltigen  Dichtungen  in  deutscher  Sprache,  den  Nibelungen  und
der  Gudrun  unterscheiden  sich  nun  freilich  die  epischen  Dichtungen  des  späteren  Mittelalters
  nicht  allein  durch  ihren  weit  geringeren  Umfang,  sondern  namentlich  auch  durch
den  weit  engeren  Gesichtskreis,  den  sie  einnehmen.  Von  einzelnen  rhapsodischen  Gesängen
war  das  deutsche  Heldenepos  ausgegangen,  es  hatte  sich  zusammengefaßt  in  den  Sagen
von  Siegfried  und  Gudrun,  und  nun,  da  die  ritterliche  Poesie  ihrem  Verfall  entgegenging,
  kehrte  auch  das  Epos  wieder  zu  seiner  anfänglichen  Gestalt  zurück.  Es  sind  nicht
mehr  Erzeugnisse  im  Umfang  und  von  der  Gewalt  der  Nibelungen.  Einzelne  Episoden
aus  den  verschiedenen  Sagenkreisen  werden  herausgehoben  und  bearbeitet,  um  dann  in
Sammlungen,  wie  dem  „Heldenbuch“  des  Kaspar  von  der  Roen  vereinigt  zu  werden.  Da
finden  wir  Ortnit,  Hug=  und  Wolfdietrich,  den  Rosengarten,  Dietrichs  Flucht  und  die
Rabenschlacht,  den  Zwergkönig  Laurin,  Ecken  Ausfahrt,  der  hörnerne  Siegfried  und
manches  andere,  in  einer  zwar  rohen  und  gehaltlosen,  aber  dem  Stoff  nach  treu  auf  der
Ueberlieferung  beruhenden  Form.  Daneben  fand  man  nun  auch,  gemäß  dem  Eindringen
der  bürgerlichen  Elemente  in  die  Literatur,  mehr  und  mehr  eine  Neigung  zum  Didaktischen.
wie  sie  namentlich  der  Renner  des  Hugo  von  Trimberg,  der  Edelstein  des  Ulrich  Boner,
nebenbei  gesagt,  letzteres  das  erste  deutsche  Buch,  das  im  Druck  erschien,  das  Volksbuch
von  den  sieben  weisen  Meistern  und  noch  manches  andere  beweisen.  Die  höfische  Dichtung
aber  sank  mehr  und  mehr,  Siegfried  Helbling  klagt  in  seinem  „Lucidarius“"  sehr  über
den  Verfall  der  Dichtkunst,  ihm  stimmt  Heinrich  der  Teichner  in  seinen  zahlreichen  Spruchgedichten
  bei  und  Peter  der  Suchenwirt  führt  gleichfalls  bittere  Klage  über  den  Verfall
der  höfischen  Poesie.  Allein  wenn  auch  im  Ausgang  des  fünfzehnten  Jahrhunderts
einzelne  Dichter  die  mehr  und  mehr  in  sich  zerfallende  Ritterpoesie  noch  immer  zu  halten
suchten,  dem  stets  sich  kräftiger  entwickelnden  Bürgertum  konnten  sie  nicht  mehr  lange
Stand  halten  und  als  ihren  letzten  Ausklang  müssen  wir  die  beiden  Werke  Kaiser  Maximilians,
  den  Theuerdank  und  den  Weißkunig,  ansehen.

Indessen  stiegen  Macht  und  Ansehen  der  Städte  immer  mehr.  Man  darf  nur  den
Namen  der  Fugger  in  Augsburg  nennen,  um  zu  zeigen,  wie  einzelne  bürgerliche  Geschlechter
  durch  Arbeit  und  Mühe  sich  zu  fürstlichem  Ansehen  emporgeschwungen.  Kämpfe
im  Innern  blieben  auch  den  Städten  freilich  nicht  erspart.  Der  Streit  zwischen  aristokratischem
  und  demokratischem  Element  brach  immer  wieder  los,  und  mehr  und  mehr
siegte  das  letztere  über  das  erstere.

Die  Städte  selbst  boten  damals  noch  durchaus  keinen  großartigen  Aublick  dar.
Nur  die  großen  öffentlichen  Gebäude  waren  Steinbauten,  alle  wurden  aus  dem  möglichst