212  Beutschland  nach  dem  Interregnum.

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sein  mußten.  Im  Innern  aber  sieht  die  fortschreitende  Blüte  von  Handel  und  Gewerbe
jene  stolzen  Patrizierpaläste  reicher  Kaufherren  entstehen,  die  mit  ihrem  starken  Mauerwerk,
  der  zierlichen  Architektur  der  Erker  und  Fenster,  mit  dem  Getäfel  und  Schnitzwerk
und  der  reichen,  soliden  Einrichtung  der  Zimmer  noch  heute  ein  Bild  der  guten  alten
Zeit  bürgerlicher  Größe  und  städtischen  Wohlstandes  gewähren.

Mit  dem  Aufblühen  der  Städte  ging  auch  die  Sorge  für  Gesundheit  und  Reinlichkeit
  Hand  in  Hand.  Hospitäler,  Armen=  und  Findelhäuser  fand  man  in  allen  Städten
mehrfach;  man  errichtete  Krankenhäuser  und  wandte  dem  Studium  der  Medizin  größere
Aufmerksamkeit  zu;  man  sorgte  daneben  auch  noch  für  öffentliche  Ruhe  und  Sicherheit,
suchte  alle  Verhältnisse  des  öffentlichen  wie  des  privaten  Lebens  bis  herab  auf  Mode  und
Tracht  nach  allgemeinen  Gesetzen  zu  regeln,  wenn  auch  dabei  nicht  immer  der  gewünschte
augenblickliche  Erfolg  zu  sehen  war.  Tag  und  Nacht,  erzählt  Aeneas  Sylvius  von
seinem  Aufenthalt  in  Wien,  wird  in  den  Straßen,  wie  in  einer  Schlacht  gekämpft,  indem
bald  die  Handwerker  gegen  die  Studenten,  bald  die  Hofleute  gegen  die  Bürger,  bald  die
Bürger  gegen  einander  die  Waffen  erhoben.  Selten  endigt  ein  Fest  ohne  blutige
Schlägerei,  und  Mord  und  Totschlag  sind  häufig.  Schier  alle  Bürger  halten  Weinhäuser
und  Schenken,  in  welche  sie  allerlei  loses  Gesindel  hineinrufen.  Das  Volk  ist  ganz  dem
Laster  geneigt  und  ergeben,  und  verpraßt  am  Sonntag,  was  es  die  Woche  über  verdient
  hat.

Das  waren  freilich  trübe  Bilder,  ungesunde  Auswüchse  im  Leben  eines  kraftvollen
und  lebensfreudigen  Geschlechtes;  allein  das  Leben  in  den  Städten  bot  dann  wiederum
so  manche  Lichtseite  dar,  daß  man  heute  gerne  die  Schattenseiten  vergißt.  „Die  Schützenfeste,
  wo  die  städtischen  Schützengilden  mit  der  Armbrust,  oder  später  mit  der  Feuerwasse
um  Preise  schossen,  Maifeste,  Tänze  und  Jahrmärkte  gaben  Gelegenheit  zu  Scherz  und
Heiterkeit.  Wenn  die  reichen  Patriziergeschlechter  Tänze  veranstalteten,  wozu  die  Stadtpfeifer
  mit  Schalmeien  und  Trommeln,  Querpfeisen  und  Dudelsäcken  tüchtig  aufspielten,
oder  Turniere  und  Ringelrennen,  Maskeraden  und  Schlittenfahrten,  so  verschmähten
selbst  Könige  und  Fürsten  die  Teilnahme  nicht.  Der  galante  Sigmund  und  Kaiser
Maximilian  haben  gar  manches  Mal  mit  den  schönen  Bürgerstöchtern  von  Augsburg
und  Nürnberg  sich  im  Reigen  gedreht.  Die  prunkvollen  Feste  der  reichen  Fugger  in
Augsburg  und  anderer  Fürsten  des  Handelsstandes  waren  weltberühmt.  Und  welch
buntes  und  lustiges  Treiben  mit  Gauklern  und  Marktschreiern,  mit  Bärenführern  und
Seiltänzern,  mit  Glückstöpfen  und  Sehenswürdigkeiten  aller  Art  entfaltete  sich  an  den
Messen  und  Jahrmärkten,  wie  strömten  Gäste  herbei  und  fahrendes  Volk  aller  Art,  „die
rastlosen  Kinder  der  Landstraße“.  Oder  wie  sperrte  das  schaulustige  Volk  die  Augen  auf,
wenn  bei  Reichstagen  oder  Krönungsfesten  der  glänzende  Zug  der  Fürsten  mit  dem
riesigen  Gefolge  durch  die  engen  Gassen  der  alten  Stadt  ritt!  War  nach  harter  Tagesarbeit
  Feierabend  gekommen,  da  besprach  man  in  den  Ratskellern  oder  Trinkstuben  die
Ereignisse  des  Tages,  die  Vorgänge  in  der  Stadt  und  das  Kriegstreiben  draußen,  bis
die  städtische  Trinkglocke  zur  Nachtruhe  mahnte.  An  gemütlich  heitern  und  ernsten
tüchtigen  Zügen  ist  das  Bürgerleben  der  deutschen  Städte  reich.“  Daneben  ward  das
Gewerbe  durch  allerhand  Erfindungen  und  Verbesserungen  bereichert.  Feuergewehr,
Taschenuhren,  Mühlwerke,  der  Kompaß,  die  Glas=  und  Oelmalerei,  die  Kupferstecherei,
die  Diamantschleiferei,  der  Orgelbau  und  manches  andere  sind  hier  anzuführen  Ferner
schenkte  man  auch  dem  Schulwesen  mehr  Aufmerksamkeit,  fahrende  Schüler  und  Mönche