Das  dentsche  Kulturleben  bis  zum  Ausgang  des  Mittelalters.  213

wurden  zeitweilig  als  städtische  Schulmeister  angestellt,  und  bald  war  sogar  das  Latein
nicht  mehr  unbekannt  im  Bürgerstande,  wie  dies  gar  manche  um  diese  Zeit  entstandene
Reinichronik  beweist.

In  solchem  Leben  und  Treiben  nun  fand  sich  freilich  kein  Platz  mehr  für  die
schwächliche  und  zerfallende  ritterliche  Poesie.  Man  griff  in  dieser  politisch  bewegten  Zeit
namentlich  auch  nach  den  historischen  Stoffen,  um  sie  poetisch  zu  bearbeiten;  die  Zeit  des
Volkes  war  eine  zu  kurz  bemessene,  als  daß  man  hätte  mit  langen  epischen  Gedichten
bei  ihm  Eingang  finden  können.  Man  griff  nach  Stoffen,  die  sich  kurz  und  epigrammatisch
gestalten  lassen  konnten,  man  suchte  sich  nun  aber  auch  neben  der  Poesie  dem  Prosa—
romane  zuzuwenden,  indem  man  britische,  französische,  ja  selbst  antike  Erzählungen
bearbeitete,  und  mit  allerhand  Zutaten,  manchmal  nicht  sehr  geschmackvollen,  erweiterte.
Steinhöwel  bearbeitete  die  Geschichte  des  Apollonius  von  Tyrus,  Johann  Hartlieb  verfaßte
  eine  Geschichte  Alexander  des  Großen,  die  er  natürlich  mit  allem  märchenhaften
Stoffe  des  Mittelalters  umkleidete;  und  alle  diese  Romane  finden  wir  dann  später  wieder
als  Volksbücher  in  verkürzter  Gestalt.

Wir  haben  oben  schon  einer  originellen  Erscheinung  in  dem  literarischen  und  poetischen
Streben  der  damaligen  Zeit  kurz  gedacht,  nämlich  des  Meistergesangs.  Man  steht  frei—
lich  dieser  Erscheinung  niemals  ganz  mit  richtigem  Urteil  gegenüber.  Wenn  die  einen
in  den  Meistersingern  den  Ausdruck  der  reinen  und  volkstümlich-echten  Poesie  sehen,  so
betrachten  sie  die  andern  als  handwerksmäßige  Reimschmiede,  deren  gesetzmäßiges  Schaffen
jede  Spur  von  Poesie  sofort  töten  mußte.  Es  ist  freilich  wahr,  der  Kunstwert  all  dieser
Meistersängereien  ist  mit  wenigen  Ausnahmen  ein  sehr  geringer.  Allein  trotzdem  darf
man  sie  als  Zeichen  der  Zeit  nicht  unterschätzen,  und  der  Ausdruck  poetischen  Strebens,
den  wir  darin  finden,  ist  ein  so  schönes  Zeichen  für  die  Kraft  des  deutschen  Volkes,  daß
man  schon  um  dessenwillen  dem  Meistergesang  mit  Nachsicht  und  Wohlwollen  begegnen
muß.  Waren  doch  auch  die  Stoffe,  welche  die  Meistersinger  wählen  konnten,  keine  zu
mannigfaltigen.  Die  ritterliche  Dichtung  lag  ihnen  zu  ferne,  das  frivole  und  derbe
Bänkelsänger=  und  Gassenlied  wiesen  sie  vornherein  ab,  und  so  blieb  ihnen  nur  die
religiöse  Poesie  und  das  Spruchgedicht.  Und  doch  haben  sie  auf  diesem  kleinen  Gebiet,
und  mit  den  denkbar  einfachsten  Mitteln  ganz  Erkleckliches  geleistet.  Daneben  waren  auch
ihre  Einrichtungen  originelle:  „Jede  Meistersingerschule  hatte  eigene  Vorsteher  (Merker),
die  nach  gewissen  Gesetzen  und  Regeln  (Tabulaturen)  die  Gesänge  prüften,  ihren  Wert
bestimmten  und  die  Preise  zuerkannten.  Da  es  hierbei  besonders  aufs  Formelle,  auf
Reim,  Versart  und  Melodie  ankam,  so  konnte  es  nicht  fehlen,  daß  diese  Dichtung  zuletzt
in  bloße  Reimerei,  Reimhäufung  und  Versspielerei  ausartete."“

-Zum  Inhalt  wählte  man  anfangs  aus  den  zahllosen  Legenden,  Marien=  und
Heiligengeschichten,  Wundersagen,  Sprüchen  2c.,  das  Beliebige  aus,  oder  lehnte  sich  an
die  Spekulationen  der  Mystiker,  an  die  gelehrten  Deutungen  und  Auslegungen  der
Scholastiker,  an  die  dunkeln  Rätsel,  Streitfragen  und  Sinnbildereien  der  Zeit  an.  Erst
in  der  Folge  wählte  man  auch  weltliche  Stoffe  aus  der  Geschichte,  aus  dem  Gestenbuch,
aus  den  alten  Sagen  und  Romanzen,  oder  man  reimte  Fabeln,  Sprüche,  Schwänke.  —
So  gering  man  auch  immer  von  der  Meistersingerkunst,  die  besonders  in  den  Reichsstädten
  Nürnberg,  Frankfurt,  Straßburg,  Ulm,  Mainz,  blühte,  und  von  ihren  lächerlichen
Regeln  und  Benennungen,  (z.  B.  der  blaue  und  der  rote  Ton,  die  Schneckenweise,  die
verschlossene  Hemweis,  die  fröhliche  Studentenweis)  denken  mag,  so  muß  man  doch  das