214  Deutschland  nach  den  Interregunm.

Streben  dieser  ehrsamen  Bürger,  denen  derartige  Beschäftigungen  gewöhnlich  sern  liegen,
in  hohem  Grade  achten.  Es  verrät  eine  kräftige  Natur  und  einen  tüchtigen  Sinn,  daß
Handwerker,  die  sonst  so  sehr  vom  Zunftneid  und  kleinlichen  Hasse  beherrscht  werden,  sich
in  die  Genossenschaft  der  Sänger  aufnehmen  ließen,  und  diese  dadurch  zu  einem  gemeinsamen
  Bande  der  Bürgerschaft  machten.  Ist  es  nicht  höchst  ehrenwert,  daß  Gewerbsleute
  ihre  Feierstunden  und  Feiertage,  die  gewöhnlich  in  der  Schenke  zum  Verderben  der
Häuslichkeit  vergeudet  werden,  einem  höheren  Streben  zuwendeten  daß  sie  nach  des
Tages  Last  und  Hitze  neue  Lieder  dichteten,  neuen  Tönen  nachsannen,  oder  die  alten
einübten,  den  jüngeren  Genossen  Unterweisung  gaben,  und  alle  ihre  Erzeugnisse  als  ge-*

  —
DD
—  2  .—

2  —
—  —

Tanzgesellschaft.  Nach  Wohlgemuth.

meinsames  Gut  in  große  Bücher  einschrieben!  Wahrlich,  diese  Sängergesellschaften,  deren
Zweck  jeden  Eigennutz,  jede  Niedrigkeit  der  Gesinnung  ausschloß,  die  nur  durch  Freundschaft
  und  gemeinsames  Bestreben  zusammengehalten  wurden,  sind  ein  schöner  Beweis  von
der  Tüchtigkeit,  dem  Gemeingeiste  und  der  kräftigen  Anlage  des  Bürgerstandes  der
Reichsstädte.  Mit  edler  Hingebung  widmeten  die  Meister  der  Sängerschule  ihre,  wenngleich
  geringen  Kräfte  der  Ausbildung  einer  Kunst,  die  bei  aller  Steifheit  doch  für  Veredlung
  der  Sprache  und  zur  Erhaltung  der  Sitte  und  Bildung  unter  dem  Gewerbestande
von  den  segensreichsten  Folgen  war;  mit  rührender  Aufopferung  bildeten  sie  ohne  allen
Entgelt  Lehrlinge  und  Schüler  mühsam  zu  gleicher  Kunstfertigkeit  und  Kunstliebe  heran,
und  retteten  die  Poesie  aus  der  Erniedrigung  und  Verachtung,  in  die  sie  bei  den  Höfen
und  beim  Adel  gesunken  war.  Sie  bewiesen,  daß  der  Sängerstand  der  Unterstützung