Das  deutsche  Kusturleben  bis  zum  Ausgang  des  Mittelalters.  215

Mächtiger  entbehren  und  selbständig  bestehen  könnte.  Der  Kranz,  der  dem  Meistersinger
zuerkannt  war,  war  der  Stolz  der  ganzen  Familie  und  Verwandtschaft."

Neben  den  Meistergesängen  entwickelt  sich  dann  auch  in  dieser  Periode  noch  eine
andere  Gattung  von  Poesie,  die  aber  auch  bis  auf  den  heutigen  Tag  fortbestehend  und
ihren  Wert  behaltend;  am  deutlichsten  dafür  spricht,  wie  kräftig  und  lebendig  das  Volk
zu  singen  und  zu  sagen  weiß,  wenn  man  es  nur  nicht  einzwängt  und  einengt  in  allerhand
Formeln  und  Regeln.  Das  Volkslied  ist  freilich  auch  ebenso  alt  wie  die  Menschheit
selbst.  Schon  Tacitus  weiß  von  solchen  Gesängen  bei  den  alten  Germanen  zu  berichten,
wir  finden  seine  Spuren  allerdings  in  mehr  epischer  als  lyrischer  Art  zur  Zeit  der
Völkerwanderung;  wir  wissen,  daß  Karl  der  Große  eine  Sammlung  von  Volksliedern
veranstalten  ließ,  die  ja  leider  verloren  gegangen  ist;  wir  begegnen  dem  Volkslied  immer
wieder  und  wieder,  durch  alle  Jahrhunderte  hindurch,  und  sehen  es  gerade  jetzt,  zu  einer
Zeit,  wo  das  freie  Bürgertum  und  das  kräftige  Volksleben  auch  in  frischer  Blüte  sich
regte,  von  neuem  aufleben.  Es  trat  die  Erbschaft  der  Minnesänger  an.  Allein  wenn
auch  der  Stoff,  welchen  es  von  diesen  übernahm,  der  gleiche  sein  mochte,  so  war  doch  die
Art  und  Weise,  wie  derselbe  nun  von  dem  Volke  behandelt  wurde,  eine  gänzlich  verschiedene.
  Es  ist  wahr,  auch  der  Minnesang  in  seiner  Blüte  hatte  echte  und  tiefe  Poesie;
schon  der  Name  eines  Walther  von  der  Vogelweide  bekundet  das  aufs  deutlichste;  aber
es  fehlte  ihm  der  kräftige  und  freie  Pulsschlag  des  Empfindens;  er  litt  unter  höfischen
Regeln  und  Satzungen,  die  Leidenschaft  nicht  Leidenschaft  und  Haß  nicht  Haß  sein  lassen
wollten.  Damit  trug  er  auch  zugleich  den  Keim  des  Untergangs  in  sich,  und  da  die
Volkspvesie  eben  als  Sprache  des  Volkes  auch  mitten  ins  Leben  hineintrat,  die  Dinge
alle,  wenn  man  so  sagen  darf,  beim  richtigen  Namen  nannte,  so  erhielt  sie  dadurch  eine
Frische  und  Lebendigkeit,  die  eben  die  Bedingung  ihrer  stetigen  Fortdauer  in  sich  schloß.
So  bewahrte  sie  auch  den  Minnesang  vor  einem  gänzlichen  Untergang.  „Man  sang
zuerst,  sagt  Weber  in  seiner  ausgezeichneten  und  geistvollen  Darstellung,  von  der  lieben
Sommerzeit,  vom  Mai,  vom  Vogel  und  Wald,  von  Blumen  und  Anger,  bald  aber  verließ
  man  das  allgemeine  Thema,  und  griff  kecker  in  das  Leben  und  die  Wirklichkeit.
Doch  blieb  die  Liebe  und  die  Empfindung  des  Herzens  der  Hauptinhalt,  nur  gab  man
das  Nebelhafte,  Geschraubte  und  Feierliche  des  Minnegesangs  auf  und  wendete  sich  der
Natur  und  einer  wahren  Innigkeit  und  Empfindsamkeit  zu.  Häufig  wurden  altüberlieferte
Sagen  in  heimischen  Weisen  und  im  echten  Volkston  gedichtet.  Die  deutsche  Wanderlust
gab  dem  Liede  Nahrung.  Der  Reiter,  der  über  die  Haide  weg  der  Fremde  zujagte,  der
Jäger,  der  unter  Hörnerschall  Feld  und  Wald  durchstreifte,  der  Landsknecht,  der  seinen
gefahrvollen  Beruf  in  heiterem  Leichtsinn  vergißt  und  die  Beschwerden  des  Kriegslebens
bei  lustiger  Gesellschaft  im  Weine  ertränkt,  der  Handwerksbursche,  der  ein  unstätes
Wanderleben  führt,  der  Student,  der  bald  weilt,  bald  wegzieht,  der  Bettler,  der  als
Bänkelsänger  von  Tür  zu  Tür  geht,  alle  haben  ihre  Lieder,  von  ebenso  mannigfaltigem
Inhalt,  wie  die  Schicksale  des  Singenden  selbst.  Wir  stehen  unter  einem  Geschlecht  von
Natursöhnen,  von  Wanderern,  Jägern  und  Kriegsleuten,  die  nichts  mit  dem  Buche,  nichts
mit  dem  Gedanken  zu  tun  haben,  die,  was  sie  besangen,  nicht  gehört  und  gelesen,  sondern
gesehen  hatten,  die  mit  unverdorbenen  scharfen  Sinnen  die  Geheimnisse  der  Natur  und
der  Menschen  sicher  durchdringen  und  erraten.  Daher  sind  die  Wander=  und  Scheidelieder,
  in  denen  sich  die  Wehmut  und  Tiefe  der  Empfindung  so  lebendig  ausspricht,  und
wobei  Text  und  Melodie  meistens  in  wunderbarer  Harmonie  stehen,  so  zahlreich  und