216  Deutschland  nach  dem  Interregnum.

ergreifend;  und  trotz  der  rohen  Form  und  der  hie  und  da  herrschenden  Derbheit  liegt  in
diesen  natürlichen  Dichtungen  mehr  Poesie,  als  in  dem  kunstvollen  Minnelied.  Darum
haben  die  Volkslieder  mit  ihrem  kecken  Wurf  auch  die  begabtesten  Männer  neuerer  Zeit,
Herder  und  Goethe  so  angezogen,  daß  jener  die  erste  Sammlung  davon  veranstaltete,
dieser  sie  bei  manchen  seiner  Lieder  zum  Vorbild  nahm.  Bei  der  Zerrissenheit  Deutschlands,
  bei  dem  Mangel  großer  Nationalkämpfer  und  Nationalhelden  konnten  die  Volkslieder
  nicht  wie  bei  den  Engländern  und  Spaniern  historische  Stoffe  zur  Grundlage
haben.  Die  Sagen  des  alten  Nationalepos  lebten  nur  in  Volksbüchern  fort;  die  fremdartigen
  Gedichte  von  der  Tafelrunde  wurden  vergessen.  Die  innerliche  Geschichte  Deutschlands
  in  dieser  Zeit  machte,  daß  auch  der  lyrische  Volksgesang  hauptsächlich  auf  das
Innere  gerichtet  war,  und  die  wehmütigen  oder  freudenvollen  Stimmungen  des  Menschen
und  die  poesiereichen  Stamm=  und  Volkssagen  mit  ihrem  ergreifenden  Trübsinn  und
ihrem  düsteren  Liebesgram  zum  Inhalt  nahm.  Je  verschiedener  diese  sich  aber  äußern,
desto  mannigfaltiger  gestalteten  sich  auch  die  Volkslieder,  die  daher  ebenso  abwechselnd
sind,  wie  das  Minnelied  eintönig  war,  und  in  denen  ebenso  die  ungebundene  frische
Natur  herrscht,  wie  in  dem  Minnegesang  eine  geschraubte  Konvenienz.  Trink=  und  Tanzlieder,
  Soldaten=  und  Jägerlieder,  Wanderlieder  der  Handwerker,  Kinderlieder  und
Kindersprüche,  Gelegenheitsgedichte  —  alles  trägt  den  eigentümlichen  Charakter  seiner
Bestimmung,  eine  überraschende  Natürlichkeit  und  Wahrheit  an  sich,  so  daß  man  z.  B.
bei  vielen  Jagdliedern  den  Ton  des  Waldhorns  zu  hören  glaubt.  Wie  bei  aller  Volkspoesie,
  findet  man  häufig  darin  Refrains,  Wiederholungen  von  Versen  und  Strophen,
Alliterationen,  ein  ewiges  Entlehnen  von  Wendungen,  Bildern,  Versen  und  ganzen
Strophen,  und  überall  ist  die  Musik  mit  dem  Inhalte  des  Liedes  in  sichtbarer  Uebereinstimmung.“


Haben  wir  diese  freiere  und  selbständigere  Entwicklung  deutschen  Geistes  bis  jetzt
nur  in  der  Poesie  beobachtet  und  verfolgt,  so  werden  wir,  auf  das  Gebiet  der  Kunst
übergehend,  auch  hier  seine  Spuren  bald  finden.  Daß  freilich  in  der  freien  und  durchgehenden
  Weiterentwicklung  des  aus  christlicher  und  antiker  Ueberlieferung  überkommenen
Stils  eine  andere  Nation,  Frankreich,  Deutschland  voraneilen  sollte,  hatte  lediglich  seinen
Grund  in  der  politischen  Entwicklung  dieser  beiden  Staaten!  „Solange  es  gegolten  hatte,
sagt  Lübke,  die  christliche  und  antike  Ueberlieferung  dem  germanischen  Geiste  einzuimpfen,
war  Deutschland,  ohnehin  unter  der  Herrschaft  kräftiger  Kaiser  an  der  Spitze  der  europäischen
  Verhältnisse,  auch  in  der  Kultur  und  vor  allem  in  der  Kunst  den  andern
Ländern  vorangeeilt.  Jetzt,  da  es  galt  die  letzten  Konsequenzen  zu  ziehen,  trat  Frankreich,
  und  zwar  der  überwiegend  germanische  Nordosten  des  Landes,  die  Führerschaft  an.
Man  hatte  sich  hier  niemals  so  innig  und  vielfach  mit  Italien  verbunden  gefühlt,  wie
in  Deutschland,  stand  also  der  antiken  Tradition  freier  gegenüber.  Das  Rittertum  hatte
sich  rascher  und  blühender  entfaltet  als  anderswo.  Der  leicht  erregbare  Sinn,  der  schon
damals  dieser  Nation  eigen  war,  hatte  sie  vorzugsweise  zur  begeisterten  Teilnahme  an
den  Kreuzzügen  hingerissen,  wie  denn  noch  in  der  Mitte  des  13.  Jahrhunderts  König
Ludwig  der  Heilige  aus  eigenem  Antrieb  einen  Kreuzzug  unternahm.  Dadurch  war  der
gewaltige  soziale  Umschwung,  den  diese  phantastischen  Fahrten  in  Leben,  Sitte  und  Anschauungen
  des  Abendlandes  hervorriefen,  in  Frankreich  mit  besonderer  Stärke  hervorgetreten.
  Die  Wunder  des  fernen  Orients,  das  Abenteuerliche  der  Fahrt,  die  Mischung
mit  fremden  Nationen,  das  alles  hatte  die  alten  Vorstellungen  erschüttert  und  neue