Das  deutsche  Kulturleben  bis  zum  Ausgang  des  Mittelalters.  219

dekoration  in  entsprechendem  Verhältnis  zunimmt.  Zu  bemerken  ist  noch,  daß  auch  jetzt
diese  Bauten  außen  und  innen  unverputzt,  in  der  ernsten,  kräftig  wirkenden  Farbe  des
Steins  bleiben.“  Als  Hauptwerk  in  dieser  Richtung  darf  die  Marienkirche  in  Lübeck
genannt  werden,  ihr  ähnlich  ist  die  Cisterzienserkirche  in  Dobberan,  der  Dom  zu  Schwerin
sowie  die  Marienkirchen  zu  Rostock  und  Wismar.  Ebenso  finden  sich  in  Stargard  und
Stralsund,  sowie  an  den  Domen  zu  Havelberg,  am  Dom  und  Elisabethkirche  in  Breslau
derselbe  Stil.  Weit  größer  ist  die  Zahl  der  Zellenkirchen,  die  zudem  noch  durch  Einfügen
  buntglasierter  Steine  ein  ganz  eigenartiges  Aussehen  erhalten.  Prenzlau,  Stendal,
Colberg,  Danzig,  Brandenburg,  Königsberg  u.  a.  m.  haben  solche  Bauten.

Der  Profanbau  erreichte  in  Deutschland  nicht  die  Ausbildung,  wie  in  den  flandrischen
Städten;  doch  sind  immer  einige  stattliche  Rathäuser,  wie  diejenigen  in  Braunschweig
und  Münster  zu  nennen,  während  man  in  Kuttenberg  und  Nürnberg  Prioathäuser
gleicher  architektonischer  Gattung  findet.  Unter  den  Schlössern  ist  es  namentlich  die  von
Karl  IV.  gebaute  Burg  Karlstein  in  Böhmen  und  dann  das  Hauptschloß  des  deutschen
Ordens,  die  stolze  Marienburg,  die  hier  hervorzuheben  sind.

Eine  ähnliche  Umwandlung  wie  in  der  Architektur  vollzog  sich  auch  auf  dem  Gebiete
der  bildenden  Kunst,  der  Skulptur  und  der  Malerei.  „Ein  begeistertes  Ringen  von
ähnlicher  Kraft,  wie  die  Betrachtung  der  Architektur  es  uns  zeigte,  arbeitet  so  lange  an
der  Umgestaltung  alter  Formen,  daß  etwa  gegen  Mitte  des  13.  Jahrhunderts  ein  neuer
Stil  sich  abgeklärt  hat,  der  nun  freilich  in  jeder  Hinsicht  von  dem,  was  der  Romanismus
zu  bieten  vermochte,  wesentlich  unterschieden  ist.  Kaum  aber  hat  dieser  Stil  seine  volle
Durchbildung  erreicht,  so  verbreitet  sich  ebenso  schnell  und  unaufhaltsam  die  gotische
Architektur  über  die  ganze  christliche  Welt  des  Abendlandes  und  wird  mit  einer  Uebereinstimmung
  ausgenommen,  die  davon  Zeugnis  ablegt,  wie  sehr  jene  Zeit  in  ihm  ihr  ganzes
Empfinden  ausgesprochen  sah.  Das  ganze  14.  Jahrhundert  bis  ins  15.  hinein  hält
allgemein  an  der  neuen  Auffassung  fest,  die  nun  aber  gerade  deshalb  bald  wieder  etwas
Konventionelles  wurde,  und  oft  ebenso  zu  äußerer  Manier  sich  verflachte,  wie  die  zarte
Huldigung  des  Minnedienstes  sich  bald  in  höfische  Etikette  verwandelte.  Dieser  neue
Stil  entstand  nicht,  weil  man  neues  zu  sagen  gehabt  hätte,  sondern  weil  man  das  alte
mit  neuem  Gefühl  erfaßte  und  auch  dieser  Empfindung  gemäß  ausdrücken  wollte.  Das
tiefer  erregte  Gemüt  des  einzelnen  wollte  seinen  selbständigen  Anteil  an  den  heiligen
Dingen,  an  der  großen  Lehre  von  der  Erlösung  in  Formen  anshauchen.  Glühende
Begeisterung,  innige  Sehnsucht,  schwärmerische  Hingebung  soll  sich  in  den  gemeißelten
und  gemalten  Gestalten  aussprechen,  und  spricht  sich  auch  wirklich  aus.  Die  Figuren
verlieren  die  stattliche  Würde,  das  an  die  Antike  erinnernde  Gepräge  von  erhabener
Ruhe;  sie  werden  schlank  und  schwank,  zart  aufgeschossen  und  mit  schwärmerischer  Neigung
des  Lockenhauptes  dargestellt;  sie  biegen  mit  einem  Schwunge,  der  den  Schwerpunkt  auf
die  eine  Seite  verlegt,  und  die  andere  dagegen  sich  tief  einziehen  läßt,  den  ganzen  Körper
aus=  und  einwärts,  wie  wenn  derselbe  unmittelbar  den  leisesten  Schwingungen  des
Empfindens  folgte;  sie  sprechen  diese  Regung  des  Seelenlebens  durch  einen  Zug  lächelnder
  Holdseligkeit  aus,  der  fast  ohne  Ausnahme  das  Gesicht  freundlich  erhält."

In  Deutschland  war  es  das  namentlich  für  die  Architektur  so  bedeutsame  14.  Jahrhundert,
  das  auch  in  der  Skulptur  bemerkenswertes  zeigt.  Der  Chor  des  Domes  zu
Köln  zeigt  Statuen  Christi,  seiner  Mutter  und  der  Apostel,  die  von  hohem  Werte  sind;
namentlich  aber  ist  es  Nürnberg,  in  welchem  sich  eine  reiche  Tätigkeit  entfaltete.  Da