244  Karl  V.  und  die  Reformation.

lange  mit  diesem  Gedanken  beschäftigt,  erst  hatte  Philipp  VI.  selbst  die  deutsche  Kaiserkrone
  übernehmen  wollen,  dann  hatte  man  an  die  Erhebung  des  Infanten  Carlos  gedacht,
allein  in  dem  deutsch  =  österreichischen  Hause  glaubte  man  in  der  Persönlichkeit  des  Erzherzogs
  Ferdinand  den  geeigneten  Mann  gefunden  zu  haben.  Demgegenüber  glaubte
nun  Philipp  seine  Ansprüche  herabmindern  zu  müssen  und  ließ  sich  bereit  finden,  zur
Unterstützung  des  Erzherzogs  gegen  eine  Landentschädigung.  Aber  die  Unterhandlungen
zogen  sich  immer  mehr  hinaus;  der  Kardinal  Klesel  tat  alles  mögliche,  um  die  Wahl
Ferdinands  zu  fördern,  nachdem  derselbe  bereits  1617  zum  böhmischen  König  gewählt
worden  war,  und  so  blieb  denn  auch,  so  lange  Matthias  lebte,  die  deutsche  Kaiserkrone
unerledigt.

Ferdinand  selbst  hatte  nach  seiner  Thronbesteigung  wichtigere  Dinge  zu  erledigen,
als  nur  die  deutsche  Kaiserfrage.  In  Böhmen  war  mit  seiner  Thronbesteigung  die  Aufregung
  immer  mehr  gestiegen,  man  sprach  von  einem  Kriege  als  etwas  ganz  Selbstverständlichem.
  Ferdinand  trat  mit  unerbittlichem  Eifer  auf  und  die  protestantischen
Landesbeamten  wurden  mit  ihren  Eingaben  an  den  Keiser  entschieden  abgewiesen  und
die  Erneuerung  einer  Protestanten-Versammlung  ihnen  aufs  strengste  untersagt.  Die
Schuld  an  dieser  Schroffheit  schob  man  in  protestantischen  Kreisen  zumeist  auf  die  Herren
von  Mertinitz  und  Slawata,  und  Graf  Thurn  war  es,  welcher  den  Plan  faßte,  dieselben
aus  dem  Wege  zu  schaffen.  Sie  wurden  in  Prag  zum  Fenster  hinausgestürzt.

Trotzdem  mit  dieser  Gewalttat  der  Bruch  mit  dem  habsburgischen  Hause  offen
war,  suchte  man  doch  den  Schein  der  Abhängigkeit  von  demselben  zu  wahren.  Die
Empfrer  suchten  ihre  Rechte  nicht  ausschließlich  auf  religiösem  Gebiete;  dadurch,  daß  sie
die  Aufrechterhaltung  des  Majestätsbriefes  und  der  ständischen  Freiheit  auf  ihre  Fahnen
schrieben,  gewannen  sie  auch  manche  Katholiken  für  sich,  und  man  beschloß  nun  die  Wahl
eines  Ausschusses,  der  freilich  seine  Tätigkeit  nicht  unter  den  günstigsten  Verhältnissen
begann.  Die  Organisation  des  Heeres  und  die  Haltung  der  Truppen  war  nur  eine
mangelhafte;  und  auch  die  finanziellen  Hilfsmittel  flossen  nicht  so  reichlich,  als  man
erwartet  hatte.

Kaiser  Matthias  zeigte  sich  zu  einem  Vergleiche  bereit,  und  sandte  Kommissäre  an
die  Aufständischen  ab,  die  zwei  Monate  lang  fruchtlose  Friedensverhandlungen  mit  denselben
  führten.  Ferdinand,  dem  der  Kaiser  immer  noch  mißtraute,  beschloß  im  Bund  mit
Maximilian  von  Bayern,  den  Sturz  des  bei  Matthias  allmächtigen  Klesel;  er  entführte
denselben  nach  Tirol,  und  niemand  wagte  einen  ernstlichen  Widerstand  gegen  diesen
Gewaltstreich.

Die  böhmischen  Empörer  mußten  von  Anfang  an  darauf  bedacht  sein,  auch  auswärtige
  Hilfe  zu  bekommen.  Ebenso  fanden  die  Bemühungen  des  Kaisers  um  Bundesgenossen
  überall  Aufnahme.  Die  deutschen  Reichsstände  sagten  wohl  keine  direkte  Hilfe
zu,  dagegen  konnte  man  von  Spanien,  von  Sigmund  von  Polen,  von  Ferdinand  und
Erzherzog  Albrecht  alle  Hilse  erwarten  und  auch  Ludwig  XIII.  schien  geneigt,  dem  Kaiser
beizustehen.  Natürlich  bemühten  sich  beide  Teile  auch  in  ihrer  nächsten  Umgebung  die
nötige  Unterstützung  zu  finden,  allein  gerade  in  den  habsburgischen  Landen  konnte  man
sich  für  ein  entschiedenes  Auftreten  dem  einen  oder  anderen  gegenüber  nicht  entschließen.