Die  Kultur  in  sechiehnten  Jahrhnndert.  245

Die  Kultur  im  sechzehnfen  Jahrhundert.

Es  wäre  durchaus  nicht  zu  verwundern  gewesen,  wenn  in  der  gährenden  Zeit,  in
der  die  Geister  so  heftig  aufeinander  platzten,  die  deutsche  Kultur  rückschrittlich  geworden
wäre.  Aber  von  dem  ist  gerade  in  der  Periode,  von  der  wir  in  den  letzten  Abschnitten
erzählten,  nichts  zu  bemerken.  Jeder  Streit  erzeugt  neue  Kraft  und  bildet  neue
Strömungen,  und  so  geschah  es  auch  im  sechzehnten  Jahrhundert.  Weder  auf  geistigem
noch  auf  materiellem  Gebiet  ist  ein  Rückschritt  zu  verzeichnen.

Der  Handel  stand  in  voller  Blüte,  und  neben  ihm  fanden  auch  die  übrigen  volkswirtschaftlichen
  Zweige  Pflege.  „Dem  Ackerbau  wurde  mehr  Sorgfalt  zugewendet;  neue
Fruchtarten  wurden  angebaut,  wie  Mais,  Klee  u.  a.  Mit  Getreide  und  Wein  wurden
in  Schweinfurt,  in  Ulm  und  Worms  lebhafte  Geschäfte  gemacht.  Die  Leibeigenschaft
wurde  da  und  dort  durch  ein  Pachtverhältnis  ersetzt,  namentlich  auf  den  eingezogenen
geistlichen  Gütern.  Nie  war  der  Bergbau  und  das  Hüttenwesen  in  solchem  Aufschwung,
als  zu  dieser  Zeit.  Die  Wissenschaft,  die  alle  Seiten  des  menschlichen  Daseins  durchdrang
  und  beleuchtete,  suchte  auch  die  unterirdische  Welt  zu  erschließen  und  ihre  Schätze
den  Erdbewohnern  nutzbar  zu  machen.  Das  edle  Metall,  das  der  Kurfürst  von  Sachsen
ans  dem  Erzgebirge,  die  österreichischen  Herrscher  aus  den  böhmischen  Bergen,  der  Herzog
von  Braunschweig  aus  dem  Harzgebirge  ausgraben  und  schmelzen  ließen,  mehrte  den
Reichtum  des  deutschen  Volkes  in  ähnlicher  Weise,  wie  die  Goldgruben  der  neuen  Welt
die  Schätze  des  spanischen  Reiches.  Die  Eisenhütten,  die  Waffenschmieden,  die  Arbeitsstätten
  für  alle  Zweige  des  Kunstgewerbes  waren  in  ununterbrochener  Tätigkeit.  Die
Kosmographie  Münsters,  welche  damals  geschrieben  wurde,  entwirft  uns  ein  anziehendes
Bild  des  glücklichen  reichen  Lebens,  welches  in  den  deutschen  Landen  allenthalben  sich
regte.  Von  dem  Gebirg  herab,  dessen  heilende  Kräuter  sie  namhaft  macht,  führt  sie
uns  die  Flüsse  entlang  durch  die  Landschaften,  von  unzähligen  Dörfern  und  wohlgelegenen
  Schlössern  erfüllt,  mit  Buchen  und  Eichen  umzäunt,  nach  den  Bergen,  wo
der  Wein  kocht,  nach  der  Ebene,  wo  die  Kornähren  so  hoch  wachsen,  daß  sie  dem  Reiter
auf  den  Kopf  reichen,  zu  den  gesunden  Brunnen,  zu  den  heißen  Quellen;  sie  eröffnet
uns  Deutschland,  wie  eine  Sommerlandschaft,  mit  den  bunten  Streifen  ihrer  Feldfrüchte,
über  und  über  von  geschäftigen  Händen  angebaut,  aber  was  mehr  ist,  von  einem  treuherzigen,
  in  seinen  Sitten  und  dem  Ruhm  alter  Tugend  verharrenden  tapfern  Volke
bewohnt.  So  gewahrte  man  allenthalben  auf  der  deutschen  Erde  einen  gehobenen  Mut,
der  zwar  nicht,  wie  in  den  westlichen  Ländern,  auf  Kriegstaten  und  Waffen  gerichtet
war,  der  aber  mit  rüstiger  Kraft,  mit  Einsicht  und  redlichem  Fleiß  das  irdische  Dasein
zu  bereichern,  das  soziale  und  wirtschaftliche  Leben  friedlich  zu  gestalten,  die  Sitten  und
häuslichen  Tugenden  aus  den  Zeiten  der  Bäter  zu  erhalten  strebte.  Noch  herrschte  in
der  Nation  das  aufrichtige  Streben,  die  Errungenschaften  des  geistigen  Aufschwungs  der
Neuzeit  in  friedfertigem  Zusammenleben  zu  genießen  und  zum  gemeinen  Wohl  zu  verwerten.
  Gab  es  doch  noch  so  viele  Gebiete,  auf  denen  man  sich  die  ehrliche  Bruderhand
zu  gemeinsamem  Ringen  und  Arbeiten  reichen  konnte.“

Konnte  man  auf  diesen  Gebieten  einen  entschiedenen  Fortschritt  konstatieren,  so  bot
dagegen  das  gesellschaftliche  Leben  des  Adels  um  diese  Zeit  noch  durchaus  kein  sehr  er-