Die  Kultur  im  sechjehnten  Jahrhundert.  249

Bauern,  Knaben,  Weiber,  Gesunde  und  Kranke.  Hier  kümmt  der  eine  sich  das  Haupthaar,
  dort  wischt  sich  ein  anderer  den  Schweiß  ab,  wieder  ein  anderer  reinigt  seine
Schuhe  oder  Reitstiefel,  kurz  es  ist  ein  Wirrwarr  der  Sprachen  und  Personen,  wie  beim
Turme  zu  Babel.  Gewahren  sie  einen  Fremden,  der  sich  durch  eine  würdige  Haltung
auszeichnet,  so  sind  aller  Augen  auf  ihn  dergestalt  gerichtet,  als  wäre  er  irgend  eine  Art
neuen  aus  Afrika  hergebrachten  Getiers;  und  selbst  nachdem  sie  am  Tische  Platz  genommen,
  sehen  sie  den  Fremdling,  mit  nach  dem  Rücken  zugekehrtem  Antlitz  und  das
Essen  vergessend,  beständig  mit  unverrückten  Augen  an.  Etwas  inzwischen  zu  begehren,
geht  nicht  an.  Wenn  es  schon  spät  am  Abend  ist  und  keine  Ankömmlinge  mehr  zu
hoffen  sind,  tritt  ein  alter  Diener  mit  grauem  Bart,  geschorenem  Haupthaar,  grämlicher
Miene  und  schmutzigem  Gewand  herein,  läßt  seinen  Blick,  still  zählend,  nach  der  Zahl
der  Anwesenden  umhergehen,  und  den  Ofen  desto  stärker  heizen,  je  mehr  er  gegenwärtig
sieht,  wenngleich  die  Sonne  durch  ihre  Hitze  lästig  wird,  denn  es  bildet  bei  ihnen  einen
vorzüglichen  Punkt  guter  Bewirtung,  wenn  alle  vom  Schweiße  triefen.  Oeffnet  nun
einer,  ungewohnt  solchen  Qualms,  nur  eine  Fensterritze,  so  schreit  man  sogleich:  „Zugemacht!“
  Antwortest  Du:  „Ich  kann's  vor  Hitze  nicht  aushalten!“  so  heißt  es:  „Such
dir  ein  anderes  Gasthaus.“  Und  doch  ist  nichts  gefährlicher,  als  wenn  so  viele  Menschen,
zumal  wenn  die  Poren  geöffnet  sind,  ein  und  denselben  Qualm  einatmen,  in  solcher  Luft
speisen  und  mehrere  Stunden  darin  verweilen  müssen.  Der  bärtige  Ganymed  kommt
wieder  und  legt  auf  so  vielen  Tischen,  als  er  für  die  Zahl  der  Gäste  hinreichend  glaubt,
die  Tischtücher  auf,  grob  wie  Segeltuch,  für  jeden  Tisch  bestimmt  er  mindestens  8  Gäste.
Diejenigen,  welche  mit  der  Landessitte  bekannt  sind,  setzen  sich,  wohin  es  ihnen  beliebt,
denn  hier  ist  kein  Unterschied  zwischen  Armen  und  Reichen,  zwischen  Herrn  und  Diener.
Sobald  sich  alle  an  den  Tisch  gesetzt  haben,  erscheint  wieder  der  sauersehende  Ganymed
und  zählt  nochmals  seine  Gesellschaft  ab,  und  setzt  dann  vor  jeden  einzelnen  einen
hölzernen  Teller,  einen  Holzlöffel  und  nachher  ein  Trinkglas.  Wieder  etwas  später
bringt  er  Brot,  was  sich  jeder  zum  Zeitvertreib,  während  die  Speisen  kochen,  reinigen
kann;  so  sitzt  man  nicht  selten  nahezu  eine  Stunde,  ohne  daß  irgendwer  das  Essen  begehrt.
  Endlich  wird  der  Wein  von  bedeutender  Säure  aufgesetzt.  Fällt  es  nun  etwa
einem  Gast  ein,  für  sein  Geld  um  eine  andere  Weinsorte  von  anderswoher  zu  ersuchen,  so
tut  man  anfangs,  als  ob  man  es  nicht  hörte,  aber  mit  einem  Gesichte,  als  wollte  man
den  ungebührlichen  Begehrer  umbringen.  Wiederholt  der  Bittende  sein  Anliegen,  so  erhält
  er  den  Bescheid:  „In  diesem  Gasthofe  sind  schon  so  viele  Grafen  und  Markgrafen
eingekehrt  und  keiner  hat  sich  noch  über  meinen  Wein  beschwert,  steht  er  dir  nicht  an,
so  suche  dir  ein  anderes  Gasthaus.“  Denn  nur  die  Adeligen  ihres  Volkes  halten  sie  für
Menschen  und  zeigen  auch  häufig  deren  Wappen.  Damit  haben  die  Gäste  einen  Bissen
für  ihren  bellenden  Magen.  Bald  kommen  mit  großem  Gepränge  die  Schüsseln.  Die
erste  bietet  fast  immer  Brotstückchen  mit  Fleischbrühe,  oder  ist  es  ein  Fast=  oder  Fischtag,
mit  Brühe  von  Gemüsen  übergossen.  Dann  folgt  eine  andere  Brühe,  hierauf  etwas  von
aufgewärmten  Fleischarten  oder  Pökelfleisch  oder  eingesalzenem  Fisch.  Wieder  eine  Mußart,
  hierauf  festere  Speise,  bis  dem  wohlbezähmten  Magen  gebratenes  Fleisch  oder  gesottene
  Fische  von  nicht  zu  verachtendem  Geschmacke  vorgesetzt  werden.  Aber  hier  sind
sie  sparsam  und  tragen  sie  schnell  wieder  ab.  Am  Tische  muß  man  bis  zur  vorgeschriebenen
  Zeit  sitzen  bleiben  und  diese,  glaube  ich,  wird  nach  der  Wasseruhr  bemessen.
Endlich  erscheint  der  bewußte  Bärtige  oder  gar  der  Gastwirt  selbst,  welch  letzterer  sich