Die  Kultur  im  sechzehnten  Jahrhundert.  257

Schaffen  her,  und  auch  hier  bewies  er  eine  außerordentliche  Regsamkeit.  Schon  1517
hatte  er  mit  einem  Fastnachtspiel:  „Das  Hofgesinde  Veneris“  begonnen,  und  nahm  nach
längerer  Unterbrechung  diese  Tätigkeit  wieder  auf.  „Seine  Stücke  sind  recht  eigentlich
volkstümliche  Stücke,  in  denen  sich  das  Leben  und  Treiben  der  Nürnberger  abspiegelt.
Mit  ihnen  hat  Hans  Sachs  die  Stimmung  der  fröhlichen  Fastnachtsgäste  erhöht  und  die
schwermutvollen  Herzen  ermuntert,  mit  ihnen  in  den  Jungen  und  Alten  seiner  Zeit  die  Liebe
zum  Guten  und  den  Haß  gegen  das  Böse  entzündet.  Er  hat,  wie  er  selbst  1567  sagt,
im  ganzen  201  Dramen  gedichtet,  davon  sind  198  erhalten.  Er  selbst  bezeichnet  sie  als
Komödien,  Tragödien,  Fastnachtspiele  oder  Spiele  überhaupt.  Im  allgemeinen  gibt  er
der  Komödie  einen  heiteren,  glücklichen,  mindestens  tröstlichen,  der  Tragödie,  einen  traurigen
Ausgang,  aber  er  bleibt  sich  nicht  immer  gleich  und  hält  die  Unterscheidung  nicht
sest.  Seine  Komödien  und  Tragödien  stehen  den  Fastnachtspielen  hinsichtlich  des
drumatischen  Wertes  bedeutend  nach.  Die  letzteren  sind  neben  den  Meisterliedern  und
Spruchgedichten  das  Beste,  was  seine  Muse  geschaffen  hat.  Unter  dem  tollen  Humor,  der
sie  durchweht,  verbirgt  sich  eine  sittliche  Idee,  die  Handlung  ist  wirkungsvoll,  die  Sprache
volkstumlich  und  lebhaft.  Aber  die  Schauspiele,  namentlich  die  auf  biblischer  Grundlage
  ruhenden,  entbehren  fast  alle  der  dramatischen  Technik;  das  Hauptziel  ist  die
Sceniernag  des  biblischen  Stoffes,  um  die  Gottseligkeit,  Furcht  und  Liebe  Gottes  in
die  Herzen  einzubilden  und  zu  pflanzen.“  In  dieser  Hinsicht  verfolgt  er  das  Ziel  fast
aller  Dramendichter  dieser  Zeit,  zu  belehren  und  zu  nützen,  den  Inhalt  der  Bibel  und
heiligen  Geschichten  dem  Volke  vermittelst  anschaulicher  Darstellung  zugänglich  zu  machen.
So  hatten  aber  auch  seine  weltlichen  Schauspiele  eine  Tendenz.  Er  schöpfte  den  Stoff  aus
dem  Altertum  und  suchte  seinen  Zeitgenossen  die  Schätze,  die  die  Humanisten  gehoben  hatten,
in  dramatischer  Form  vorzuführen,  aber  er  wollte  dabei  auch  Sittlichkeit  und  Vaterlandsliebe,
  Gerechtigkeit  und  Treue  und  alle  Tugenden,  die  den  Menschen  zieren,  vor  Augen
stellen,  das  Herz  veredeln  und  vor  den  Sünden,  Gebrechen  und  Lastern  seiner  Zeit  eindringlich
  warnen.  Am  19.  Jannar  1576  starb  Haus  Sachs,  eine  der  liebenswürdigsten
und  anziehendsten  Figuren  aus  der  Literatur  des  sechzehnten  Jahrhunderts.  Es  war  in
ihm  ein  echt  deutsches,  schlichtes  und  doch  kräftiges  Gemüt,  jener  Humor,  der  alle  Lebensverhältnisse
  in  dem  freundlichen  Lichte  der  Harmonie  erblickt  und  alle  etwaigen  Mißverhältnisse
  darin  durch  Glauben  und  Vertrauen  aufzulösen  weiß.

Neben  diesem  Vertreter  der  Dichtkunst  steht  als  einer  der  bedeutendsten
Repräsentanten  der  Wissenschaft  aus  damaliger  Zeit  der  Astronom  und  Mathematiker
Kepler  da.  In  Weil  der  Stadt  in  Württemberg  geboren,  bezog  er  später  oie  Universität
Tübingen,  um  sich  der  Theologie  zu  widmen.  Allein  durch  Mästlin,  der  dort  Astronomie
und  Mathematik  lehrte,  in  diese  beiden  Wissenschaften  eingeführt,  widmete  er  sich  denselben
  bald  mit  ungeteiltem  Eifer,  und  folgte  1593  einem  Ruf  an  die  Universität  nach
Gratz,  wo  er  sich  freilich  nicht  lange  aufhielt.  Er  ging  nach  Prag,  allein  au?  dort
gestaltete  sich  sein  Los  nicht  so  günstig,  wie  er  erwartet  hatte,  und  er  folgte  1613  einem
Ruf  nach  Linz.  Daß  er  ein  Mann  der  freiesten  Anschauung  war,  bewies  sein  Mut,  mit
dem  er  sich  seiner  als  eine  Hexe  verklagten  Mutter  annahm,  der  ihm  auch  deren  Freisprechung
  ermöglichte.  Oftmals  hatte  er  den  Wunsch  geäußert,  in  seiner  Heimat  eine
Anstellung  zu  finden.  Derselbe  sollte  ihm  nicht  erfüllt  werden.  Er  starb  zu  Regensburg
im  Jahre  1630.  „Keplers  Hauptverdienste  beruhen  auf  seinen  astronomischen  Arbeiten.
Erst  seine  Entdeckungen  bestätigten  die  kopernikanischen  Behauptungen  aufs  vollständigste,

Ebner,  Illustrierte  Geschichte  Deutschkands.  18