258  Karl  V.  und  die  Reformation.

und  seine  Anschauungen  über  die  physikalische  Natur  des  Weltalls  zeigen  einen  prophetischen
  Blick  in  eine  viel  spätere  Zeit.  Neben  dem  Geist  einer  strengen  und  ernsten
Wissenschaftlichkeit  geht  durch  Keplers  Werk  ein  Zug  von  Phantasie  und  poelischem
Gemüt.  Er  liebt  es,  im  Geiste  Platos  und  der  Pythagoräer  die  Ergebnisse  der  ernsten
Forschung  in  Verbindung  zu  setzen  mit  den  phantastischen  Gebilden  über  die  Harmonie
der  Zahlen=  und  Raumverhältnisse,  und  wenn  ihn  diese  Neigung  auch  bisweilen  zu  Aussprüchen
  verleitet,  die  mit  der  objektiven  Wahrheit  nicht  vereinbar  sind,  so  gibt  sie  doch
einen  neuen  Beweis  seiner  Schöpserkraft  und  des  hohen  Schwunges  seiner  Seele.  Diese
Züge  einer  schwärmerischen  Einbildungskraft  treten  besonders  hervor  in  den  Werken
„Ueber  die  Geheimnisse  des  Weltbaus“,  die  „Weltharmonie“  und  „Keplers  Tranum.
Mehrfach  fand  Kepler  Veranlassung,  in  seinen  Berufsgeschäften  mit  den  astrologischen
Wahngebilden  sich  zu  befassen.  Als  Professor  der  Mathematik  in  Gratz  lag  ihm  die
Pflicht  ob,  den  Kalender  zu  machen,  und  dieser  mußte  nach  dem  Gebrauch  der  Zeit  mit
allerlei  astrologischen  Wahrsagungen  über  Witterungsverhältnisse,  über  Krieg  und  Frieden,
ausgestattet  sein.  Kepler  entledigte  sich  dieser  Pflicht  mit  Feinheit;  er  hatte  die  Regeln
der  Astrologie  sorgfältig  studiert,  so  daß  er  seine  Prophezeiungen  in  die  verlangte  Form
kleiden  konnte,  und  da  er  seine  Urteile  abgab,  mit  genauer  Berücksichtigung  aller  Nebenumstände
  und  geleitet  durch  seinen  Scharfblick,  so  hatte  er  in  seinen  Vorhersagungen
Glück.  Er  gelängte  zu  großem  Ansehen  als  Astrolog,  und  viele  der  hervorragendstien
Männer  Oesterreichs  ließen  sich  von  ihm  die  Nativität  stellen.  Sehen  wir  ihn  doch  noch
gegen  das  Ende  seines  Lebens  in  den  Diensten  des  der  Astrologie  sehr  ergebenen  Wallenstein.
  Aber  wiewohl  er  sich  die  größte  Mühe  gab,  auch  dieser  Pflicht  nach  Kräften  zu
genügen,  so  gesteht  Kepler  doch  mit  offenem  Freimut  die  Unzuverlässigkeit  seiner  Wahrsagungen
  ein,  und  aus  mehreren  Stellen  seiner  Briefe  geht  hervor,  wie  aufgeklärt  er
selbst  über  diesen  herrschenden  Aberglauben  seiner  Zeitgenossen  dachle.“