284  Der  dreißigjährige  Krieg.

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gab  es  Köpfe,  die  es  nicht  anerkennen  wollten,  daß  die  Summe  und  der  Inbegriff  des
deutschen  Staatsrechts  nicht  in  dem  Gesetzbuch  Justinians  enthalten  sei,  und  daß  man
einen  modernen  Staat  auch  nach  andern  Gesichtspunkten  betrachten  könne,  als  nach  dem
Schema  des  Aristoteles.“

Hand  in  Hand  mit  diesem  sichtbaren  Zerfall  auf  den  politischen  Gebieten  ging
auch  die  Verderbnis  auf  dem  Gebiete  des  allgemeinen  Kulturlebens.  Noch  im  sechszehnten
  Jahrhundert  hatten  Handel  und  Industrie  in  Deutschland  geblüht,  und  erst  der
fürchterliche  Krieg  hatte  alles  zerstört.  Statt  blühender  Felder  unabsehbare  Wüsteneien,
Schutt,  Asche  und  Trümmer  da,  wo  einst  stolze  Schlösser  und  Städte  gestanden.  Augsburg
  war  vor  dem  Kriege  eine  Stadt  mit  90000  Einwohnern  gewesen,  nach  Beendigung
desselben  zählte  sie  kaum  noch  6000.  Als  Simplicissimus  in  die  Schweiz  kam,  da  mochte
er  billig  sich  wundern:  „Das  Land  kam  mir  gegen  andere  deutsche  Länder  so  fremd  vor,
als  wenn  ich  in  Brasilien  oder  China  wäre.  Da  sah  ich  Leute  im  Frieden  handeln
und  wandeln,  die  Ställe  standen  voll  Vieh,  die  Bauernhöfe  liefen  voll  Gänse,  Hühner
und  Enten,  die  Straßen  wurden  sicher  von  den  Reisenden  gebraucht,  die  Wirtshäuser
saßen  voll  Leute,  die  sich  lustig  machten,  da  war  gar  keine  Furcht  vor  Feinden,  keine
Sorge  vor  Plünderung  und  keine  Angst,  sein  Gut,  Leib  und  Leben  zu  verlieren.“  Das
waren  Zustände,  von  denen  man  in  Deutschland  kaum  noch  durch  Hörensagen  etwas
wußte.  Die  zahllosen  Heerscharen  beider  Parteien  hatten  das  Land  zu  einem  öden  und
verwahrlosten  gemacht;  im  Gefolge  des  Krieges  war  die  Not  im  deutschen  Lande  eingekehrt,
  das  „Kipper=  und  Wipperwesen“,  jenes  unehrliche  Handwerk  mit  falschen  Münzen,
das  namentlich  in  Braunschweig  in  Blüte  stand,  beutete  dieselbe  nach  allen  Richtungen
aus,  und  die  Menschen  gefielen  sich  im  Erdenken  aller  irgendwie  möglichen  Quulen.
„Es  stehet  leider  noch  vor  Angen,  meldet  ein  gleichgeitiger  Bericht,  wie  die  Croaten  und
andere  Truppen  mit  Feuer  und  Schwert  das  ganze  Land  zu  einem  im  römischen
Reich  und  auch  bei  den  Türken  unerhörten  Exempel  erbärmlich  verderbet,  fast  alles,
so  unter  ihre  Hand  gekommen,  niedergehauen,  den  Leuten  die  Zungen,  Nasen  und  Ohren
abgeschnitten,  die  Augen  ausgestochen,  Nägel  in  die  Köpfe  und  Füße  geschlagen,  heiß
Pech,  Zinn,  Blei  und  allerhand  Unflath  durch  die  Ohren,  Nasen  und  den  Mund  in
den  Leib  gegossen,  etliche  durch  allerhand  Instrumente  schmerzlich  gemartert,  viele  teils
mit  Stricken  aneinander  gekoppelt,  ins  offene  Feld  gestellt  und  mit  Büchsen  auf  sie  zum
Ziel  geschossen,  teils  mit  Pferden  geschleift,  wie  die  wilden  Tiere  in  die  Kinder  gefallen,  sie
gesäbelt,  gespießt  und  in  Backöfen  gebraten,  viele  Wohnungen,  Städte,  Flecken  und  Dörfer
angezündet  und  verbrannt,  anderer  barbarischer  Verübungen,  so  in  die  Feder  nicht  alle,  zu
fassen,  zu  geschweigen.  Wie  jämmerlich  stehen  die  Städte,  da  zuvor  tausend  Gassen  gewesen,
sind  nun  nicht  mehr  hundert,  da  liegen  sie  verbrannt,  zerfallen,  zerstört,  daß  weder  Dach,
Gesparr,  Türen  oder  Fenster  zu  sehen  sind.  Ach  Gott,  wie  jämmerlich  stehts  auf  den
Dörfern.  Man  wandert  bei  zehn  Meilen  und  sieht  nicht  einen  Menschen,  nicht  ein  Vieh,
nicht  einen  Sperling,  wo  nicht  an  etlichen  Orten  ein  alter  Mann  und  Kind  oder  zwei
alte  Frauen  zu  finden.  In  allen  Dörfern  sind  die  Häuser  voller  toten  Leichname  gelegen,
von  der  Pest  und  von  Hunger  erwürgt,  von  Wölfen,  Hunden,  Raben  gefressen,  weil
niemand  gewesen,  der  sie  begraben,  beklaget  und  beweinet  hat.  Das  blühende  Bayerland
  glich  einer  Wüste;  da  lebte  kaum  noch  der  zehnte  Mann,  und  wer  noch  lebte,
stillte  den  Hunger  mit  dem  Fleisch  von  Hunden,  Katzen  und  den  Leibern  der
schon  Verhungerten.  Die  reichen  Getreidefluren  lagen  unbebaut,  voller  Disteln  und