Die  innere  Perfassung  Deutschlands.  285

Dornen.  Es  setzte  sich  Wald  über  den  Acker,  weil  ihn  kein  Pflug  mehr  aufbrach.  Wo
die  Menschen  seltener  geworden,  mehrten  sich  die  Wölfe  und  reißenden  Tiere.  Sie  zogen
furchtlos  aus  den  früheren  Schlupfwinkeln  zu  den  Brandstätten  ehemaliger  Dörfer,  und
wühlten  in  der  Erde  nach  Leichnamen.  Zigeuner,  Gauner  und  Strolche  aller  Gattung
schwärmten  bandenweise  im  Land  frei  umher.  Wollte  der  Kurfürst  ausfahren,  mußte  er
vorher  zu  eigener  Sicherheit  Strafen  gegen  das  Gesindel  anordnen,  die  Straße  zu  säubern.“

Ebenso  war  natürlich  das  geistige  und  sittliche  Leben  des  Volkes  vollständig  in
Zerfall  geraten.  Und  ebenso  ging  auch  das  nationale  Leben  seinem  vollständigen  Verfall
entgegen.  „Der  verwitterte  Bau  des  deutschen  Reichsstaates  vermochte  begreiflicherweise
das  nationale  und  patriotische  Gefühl  nicht  zu  stärken  nud  zu  beleben.  Vaterländischer
Sinn,  deutschnationales  Bewußtsein  waren  für  lange  Zeit  vollständig  erstorben;  daß  das
deutsche  Volk  unfähig  sei,  politisch  eine  Rolle  zu  spielen,  ein  mächtiges  Staatswesen  gleich
andern  zu  gründen,  wurde  seitdem  fast  ein  Glaubenssatz.  Und  selbst  die  Blüte  geistigen
und  künstlerischen  Lebens,  die  für  politische  Ohnmacht  oft  einen  Ersatz  bieten  muß,  war
unter  dem  eisigen  Hauche  des  großen  Krieges  erstarrt  und  verdorben.  Die  Kunst,  die
noch  im  vorigen  Zeitalter  so  schöne  Früchte  gezeitigt,  war  auf  lange  zu  Grunde  gegangen,
die  Wissenschaften  waren  verknöchert,  in  unfruchtbarem  Formelkram  und  geistloser
Pedanterie  erstickt;  die  Universitäten  und  die  strahlenden  Leuchten  der  Bildung  waren
während  des  Krieges  fast  eingegangen  und  erholten  sich  nur  langsam  wieder  zu  einiger
Bedeutung;  unter  den  Professoren  herrschte  geist=  und  gedankenlose  Schulgelehrsamkeit
oder  erschreckende  Unwissenheit,  unter  den  Studenten,  die  während  des  Krieges  häufig
vorübergehend  oder  dauernd  der  Fahne  folgten,  eine  entsetzliche  Roheit  und  Wüstheit  der
Sitten,  und  jene  in  der  Geschichte  der  pädagogischen  Verirrungen  berühmte  Erscheinung
der  systematischen  Ausnutzung,  Mißhandlung,  geist=  und  leibverderbenden  Verführung  der
Neulinge  durch  die  älteren  Genossen,  die  als  Pennalismus  bezeichnet  wird,  und  sogar
den  Reichstag  in  Regensburg  zum  Einschreiten  gegen  dieses  Benehmen  veranlaßte,  das
Volksschulwesen  endlich,  für  welches  das  sechzehnte  Jahrhundert  so  viel  getan,  war  im
tiesen  Verfall,  im  traurigsten  Niedergang  begriffen,  und  es  bedurfte  der  eifrigen  und  hingebenden
  Fürsorge  wohlmeinender  Fürsten,  verständiger  Pädagogen  und  Staatsmänner,
um  das  deutsche  Unterrichtswesen  wieder  in  die  Höhe  zu  bringen.  In  der  Literatur  verdrängte
  die  Nachahmung  die  nationalen  Geisteserzeugnisse;  die  Sprache  und  der
literarische  Geschmack  Frankreichs  beherrschten  das  geistige  Leben  des  vordem  so  reichen
und  schöpferischen  deutschen  Volkes,  und  es  dauerte  lange,  bis  sich  die  zurückgedrängte
vaterländische  Natur=  und  Geistesart  wieder  Bahn  brach.  Auch  im  äußern  Auftreten
herrschte  die  fremde,  insbesondere  die  französische  Mode.  Mit  der  oberflächlichen  Politur,
welche  die  jungen  Herren  der  vornehmen  Stände  auf  ihren  zum  guten  Ton  gehörenden
Reisen  nach  Paris  sich  aneigneten,  brachten  sie  auch  die  Kleidermoden,  die  geschmacklosen
  Trachten,  die  gepuderten  Haare  und  Perrücken,  und  häufig  auch  die  leichtfertigen
Sitten  der  dortigen  eleganten  Welt  in  ihr  deutsches  Vaterland  zurück.  Im  innersten
Kerne  war  das  deutsche  Wesen  vergiftet  und  entstellt;  politisch,  geistig  und  sittlich  die
deutsche  Nation  krank  und  gebrochen.  Es  bedurfte  der  ganzen  inneren  Lebenskraft  dieses
Volkes  und  Landes,  um  aus  dem  tiefen  staatlichen,  materiellen  und  geistigen  Verfall  sich
wiederum  zu  erheben.“

Das  zu  vollbringen  und  zu  erreichen  war  die  Aufgabe  der  nächsten  Zeitperiode,
in  die  wir  nun  eintreten.  Nicht  mit  der  sanguinischen  Hoffnung,  als  ob  die  anzustrebenden