Friedrich·  Wilhelm  der  grohe  Kurfüttst.  291

Nun  erst  konnte  Friedrich  Wilhelm  daran  denken,  die  verschiedenen  Länder,  die  er
beherrschte,  zu  einem  Staate  zu  verschmelzen.  Es  waren  namentlich  die  Stände  der
einzelnen  Gebiete,  die  sich  der  Staatseinheit  widersetzten.  Ihre  „Libertät“  d.  h.  die
Unbeschränktheit,  mit  der  sie  in  ihren  Kreisen  schalteten,  ward  dadurch  gefährdet.  Statt
mit  Hilfe  der  Herren-Stände  wollte  der  Kurfürst  mit  seinen  Beamten  das  Land  regieren
und  diese  Beamten  wählte  er  nicht  nur  aus  dem  engen  Gebiet,  indem  sie  arbeiten  sollten,
er  nahm  sie  auch  aus  „Fremden“.  Dem  traten  die  Stände  scharf  entgegen.  „Aber  ihre
Zeit  war  vorbei.  Nur  die  in  Cleve  behielten  im  allgemeinen  ihre  Stellung,  nachdem
sie  dem  Kurfürsten  das  Recht,  Truppen  im  Lande  zu  werben  und  zu  halten,  und  die
Beamten  zu  bestellen,  eingeräumt  hatten;  die  brandenburgischen  und  preußischen  verloren
sie  fast  ganz.  Die  ständischen  Gerechtsame  im  Brandenburg  waren  veraltet,  ihre  Handhabung
  schwerfällig,  und  da  der  Kurfürst  dank  der  neuen  Verbrauchssteuer  der  Geldbewilligung
  der  Stände  wenig  bedurfte,  so  rief  er  sie  fortan  nur  noch  sehr  selten
zusammen,  bis  sie  allmählich  in  Vergessenheit  gerieten.  Schwerer  war  der  Kampf  in
Preußen.  Die  preußischen  Stände  waren  gewohnt,  gewissermaßen  mitzuregieren,  und
erwiesen  sich  der  strengen  brandenburgischen  Ordnung  wenig  geneigt.  Das  Beispiel  der
ungezügelten  Freiheit  der  polnischen  Stände  wirkte  für  sie  verführerisch.  Dem  Großen
Kurfürsten  gegenüber  behaupteten  sie  von  vorn  herein,  Polen  habe  die  Souveränität  an
ihn  nicht  ohne  ihre  Zustimmung  übertragen  können,  und  beharrten  absolut  gegen  ihn
in  einer  trotzigen  Haltung;  ja  die  heftigste  Partei  unter  ihnen  trat  mit  Polen  in  Unterhandlungen,
  und  dieses  war  nicht  abgeneigt,  sich  die  Unbotmäßigkeit  der  preußischen
Stände  zu  Nutzen  zu  machen.  An  der  Spitze  der  Gegner  des  Kurfürsten  standen  der
Schöppenmeister  von  Königsberg,  Hieronymus  Roth  und  der  Oberst  von  Kalckstein.  Der
Kurfürst  aber  griff,  als  er  weder  mit  Milde  noch  mit  Drohungen  zum  Ziele  kam,  mit  eiserner
Faust  durch,  Roth  wurde  1662  des  Hochverrats  angeklagt  und  zu  lebenslänglichem  Gesängnis
verurteilt,  in  dem  er  ungebeugt  gestorben  ist  (1668);  Kalckstein,  der  Drohungen  gegen
das  Leben  des  Königs  ausgestoßen  hatte,  und  verhaftet,  dann  aber  begnadigt  worden
war,  floh  gegen  sein  gegebenes  Wort  zu  den  Polen.  In  Warschau  gab  er  sich  für  einen
Vertreter  der  preußischen  Stände  aus,  und  forderte  in  ihrem  Namen  unter  heftigen
Schmähungen  gegen  den  Kurfürsten,  Polen  sollte  seine  alten  Rechte  wieder  erwerben.
Da  ließ  ihn  Friedrich  Wilhelm  durch  seine  Gesandten  heimlich  aufheben,  nach  Preußen
bringen  und  1672  enthaupten.  Nun  war  jeder  Widerstand  der  Stände  gebrochen,  und
Friedrich  Wilhelm  unbeschränkter  Herr  in  seinem  Staat.  Wenn  er  in  dieser  rücksichtslosen
  Handlungsweise  dem  Vorbild  der  Zeit,  Ludwig  XIV.  glich,  so  stellte  sich  doch  bald
der  Unterschied  des  preußischen  absoluten  Herrschertums  von  dem  französischen  heraus;
er  diente  dem  Staat,  aber  opferte  ihn  nicht  seiner  Eitelkeit  und  Selbstsucht,  und  so  war
er  für  den  Staat,  dessen  Einheit  er  begründete,  und  den  er  von  kleinlichen  Einflüssen
befreite,  segensvoll.“

Während  all  dieser  Kriege  und  Fehden  war  Kaiser  Ferdinand  III.  am  2.  April  1657
aus  dem  Leben  geschieden  und  ihm  folgte  nach  einem  ziemlich  langen  Interregnum  sein
Sohn  Leopold  auf  den  Thron.  Von  Anfang  an  war  die  Stellung  des  Kurfürsten  zum
neuen  deutschen  Reiche  eine  zufriedenstellende,  da  Leopold  wohl  wußte,  welche  großen
Dienste  ihm  dieser  bei  seiner  Wahl  erwiesen  hatte.  Freilich  hatte  man  trotzdem  von
Anfang  an  in  Wien  darüber  sich  klar  zu  werden  gesucht,  daß  die  brandenburgische  Macht
sich  auf  keinen  Fall  weiter  ausdehnen  dürse,  und  daß  man  die  nächste  Gelegenheit

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