Friedrich  Wilhelm  der  große  Kurfürst.  295

mehr  zurückziehen.  Allein  der  Kurfürst  wollte  sie  ganz  aus  dem  Lande  gedrängt  wissen
und  jetzt  endlich  erklärte  Leopold  die  Schweden  für  Reichsfeinde,  obgleich  er  im  Grunde
nur  eifersüchtig  auf  die  Erfolge  des  Kurfürsten  war.  Zugleich  schloß  sich  Dänemark  dem
Bunde  gegen  Schweden  an.  Aber  Zwietracht  und  Mißtrauen  herrschte  unter  den  Ver—
bündeten  und  erst  im  Spätherbst  konnte  man  daher  wagen  die  militärische  Operation
wieder  aufzunehmen.  Es  war  ein  beständiges  Hin-  und  Herdrängen,  in  welchem  sich  nie—
mand  eines  entscheidenden  Sieges  rühmen  konnte.  Die  Flotte  Schwedens  rechtfertigte
die  in  sie  gesetzten  Erwartungen  nicht,  in  Schweden  herrschte  Verzweiflung  und  Ratlosigkeit,
  Karl  XI.  von  Schweden  gelang  es  in  einem  tollkühnen  Angriff  das  Dänenheer  zu
zersprengen,  dagegen  richtete  nun  der  Kurfürst  sein  ganzes  Bestreben  darauf,  Stettin  und
Pommern  zu  erobern.  Allein  Stettin  hielt  sich  von  August  bis  September  1697  und
als  die  Stadt  endlich  kapitulierte,  sah  man  nur  noch  einen  rauchenden  Trümmerhaufen.
Bald  fiel  auch  Rügen  in  seine  Hände;  Stralsund  mußte  kapitulieren  und  zuletzt  ergab  sich
auch  Greifswald.  Ein  Versuch  der  Schweden  in  Preußen  sich  festzusetzen,  mißlang  gleichfalls.
  In  der  berühmten  Schlittenfahrt  über  das  frische  und  kurische  Haff  drängte
Brandenburg  die  Schweden  aus  allen  ihren  Positionen  zurück;  allein  so  groß  der
militärische  Erfolg  aller  dieser  Operationen  war,  der  Gewinn,  den  der  Kurfürst  für  sich
daraus  erzielte,  war  dagegen  verschwindend  klein.  Kaiser  und  Reich  hatten  mit  Frankreich
  den  schimpflichen  Frieden  von  Nijmwegen  geschlossen,  zürnend  mußte  nun  auch  der
Kurfürst  nachgeben.  Nicht  einmal  Stettin  konnte  er  für  sich  erhalten,  einen  seiner  Ansprüche
  um  den  andern  mußte  er  aufgeben.  Alle  seine  pommerschen  Eroberungen  gingen
für  ihn  verloren.  Am  rechten  Oderufer  blieb  ihm  nur  eine  ganz  unbedeutende  Länderstrecke;
  „es  ist  nicht  der  König  von  Frankreich,  der  mich  zum  Frieden  zwingt,  sondern  der
Kaiser,  das  Reich,  meine  eigenen  Verwandten  und  alle  Alliierten“,  äußerte  sich  Friedrich
Wilhelm,  „aber  sie  werden  es  auch  bereuen,  und  ihr  Verlust  wird  so  groß  sein  wie  der
meinige.“

Bei  Ludwig  XIV.  konnten  all  diese  diplomatischen  Erfolge  auch  insofern  Wert
haben,  als  ihm  eine  Gelegenheit  zu  weiteren  Uebergriffen  reichlich  geboten  war.  Zunächst
lag  ihm  daran,  das  Elsaß  ganz  in  seine  Gewalt  zu  bekommen,  und  das  deutsche  Reich
stellte  diesen  seinen  Bestrebungen  nur  matte  Proteste  und  nichtssagende  Erklärungen
gegenüber.  Scheinbar  ging  Ludwig  auf  alle  diese  Beschwerden  ein,  ja  er  erklärte  sogar
auf  einem  Kongreß  in  Frankfurt  alles  untersuchen  zu  lassen.  „Aber  die  französischen
Bevollmächtigten  verweilten  so  lange  auf  der  Reise,  daß  die  Deutschen  hinreichend  Muße
fanden,  sich  über  Rang  und  Titel,  über  die  Form  der  Tische  und  Sitze,  über  die  Frage,
ob  man  sich  bei  den  künftigen  Beratungen,  der  lateinischen  oder  französischen  Sprache
bedienen  solle,  zu  streiten.  Mittlerweilen  wurde  auf  Louvois  Anordnung  in  aller  Heimlichkeit
  durch  General  Montcelar  Truppen  im  Elsaß  gesammelt  und  die  Netze  ausgespannt,
um  das  Kleinod  des  Reiches  an  Frankreich  zu  bringen.  Dem  Raubsysteme,  durch
welches  seit  zwei  Jahren  die  Gemüter  der  an  Frankreich  grenzenden  Völker  in  Unruhe
und  angstvoller  Erwartung  gehalten  wurden,  setzte  Ludwig  dadurch  die  Krone  auf,  daß
er  mitten  im  Frieden  die  freie  Stadt  Straßburg  dem  Reiche  entriß.

Das  Gelingen  des  Gewaltstreichs  war  so  sicher  vorbereitet,  die  Einteilungen  zur
Besetzung  der  Rheinstadt  so  geschickt  getroffen,  daß  Louvois  auf  die  Nachricht  von  der
Einschließung  der  Festung  durch  Montclar  eilen  mußte,  um  rechtzeitig  zur  Kapitulation,
die  er  sich  selbst  vorbehalten,  von  Versailles  einzutreffen.  Nicht  als  ob  es  der  Bürgerschaft