296  Von  großen  Kurfürsten  bis  zu  Friedrich  d.  Gr.

an  deutscher  Gesinnung,  an  Pietät  für  das  Reich  und  die  geschichtliche  Vergangenheir
gefehlt  hätte;  man  hatte  oft  genug  in  dringenden  und  flehenden  Worten  den  Schutz  des
Reiches  angerufen,  aber  ohne  Hilfe  vom  Kaiser  und  von  den  Stammesgenossen,  ohne
genügende  Wehrmannschaft  und  Verteidigungsanstalten  in  den  eigenen  Mauern,  verlassen
und  verraten  von  dem  zaghaften,  in  kläglicher  Ratlosigkeit  hin  und  her  schwankenden
Magistrate,  was  sollte  die  Bürgerschaft  beginnen  gegenüber  einem  Feinde,  der  im  Falle
eines  Widerstandes  mit  Krieg  und  Verwüstung  drohte,  bei  friedlicher  Unterwerfung  dagegen
  Verfassung,  Recht  und  die  Religionsfreiheit  zu  achten  versprach.  So  fügte  sich
denn  die  Bürgerschaft  Straßburgs  in  das  unvermeidliche  Schicksal  und  brachte  der
Sicherheit  des  Lebens  und  der  materiellen  Wohlfahrt  ihre  politische  und  kirchliche  Selbständigkeit
  und  so  manches  ideale  Gut,  das  die  Vorfahren  errungen  und  behaupter
zum  Opfer.“

Ein  Schrei  der  Entrüstung  ging  ob  dieser  Gewalttat  durchs  deutsche  Land.  Kaiser
Leopold  hatte  der  Stadt  ein  halbes  Jahr  vor  der  Gewalttat  6000  Mann  als  Besatzung
angeboten,  allein  der  französisch  gesinnte  Rat  hatte  sich  nicht  veranlaßt  gesehen,  dieses
Anerbieten  anzunehmen.  Und  Leopold  hätte  auch  nicht  allein  helfen  können,  denn  schon
wieder  drohte  den  österreichischen  Landen  ein  Ueberfall  durch  die  Türken;  Friedrich  Wilhelm
  wollte  von  einer  Unterstützung  des  Deutschen  Reiches,  das  sich  mehr  und  mehr
seinem  Untergang  näherte,  nichts  wissen;  am  11.  Januar  1682  schloß  er  mit  Frankreich
einen  definitiven  Allianzvertrag.  Für  den  nun  wieder  ausgebrochenen  Türkenkrieg  hatte
er  allerdings  dem  Kaiser  seine  Hilse  angeboten,  allein  dieser  vermutete  in  diesem  Anerbieten
  ganz  andere,  auf  Schlesien  gerichtete  Absichten  und  lehnte  das  Anerbieten  ab.  Er
war  nun  der  Hilfe  Polens  sicher,  und  er  hätte  gerne  den  Krieg  gemieden,  allein  Frankreich
  schürte  unablässig  an  der  Kampfeslust  der  Türken  und  bald  brach  ein  türkisches
Heer  von  Adrianopel  auf.  Ein  Gefecht  bei  Raab,  in  welchem  „Prinz  Eugen“  zum  erstenmal
  kämpfte,  nötigte  den  Oberbefehlshaber  der  kaiserlichen  Truppen,  Karl  von  Lothringen,
sich  auf  Wien  zurückzuziehen.  Der  Kaiser  floh  nach  Linz,  und  dann  weiter  nach  Passau,
die  Tore  Wiens  wurden  verschlossen  und  bald  stand  der  Feind  vor  den  Mauern.  Graf
Ernst  Rüdiger  von  Starhemberg,  dem  der  Kaiser  das  Oberkommando  der  Stadt  übertragen
  hatte,  ließ  alle  Vorstädte  von  Wien  in  Brand  stecken  und  es  gelang  seiner
heldenmütigen  Entschlossenheit,  sowie  der  Tapferkeit  der  Bevölkerung  sechzig  Tage  lang
die  Belagerung  auszuhalten,  bis  endlich  die  deutschen  Hilfstruppen  und  ein  polnisches  Heer
unter  Johann  Sobiesky  herbeieilten.  Die  Entscheidungsschlacht  am  12.  September  1863
war  eine  blutige.

In  Hofkreisen  freilich  merkte  man  von  einer  dauernden  Erhebung  nach  diesem
Sieg  nur  wenig;  selbst  der  Polenkönig  wurde  mit  seierlicher  Etikette  behandelt;  mit
Frankreich  schloß  der  Kaiser  am  15.  August  1685  den  Regensburger  Frieden  und  überließ
  damit  Straßburg  „vorläufig“  auf  20  Jahre  an  Frankreich.  All  das  wäre  vielleicht
nicht  geschehen,  wenn  der  Gegensatz  zwischen  Friedrich  Wilhelm  und  dem  Keiser  ausgeglichen
  gewesen  wäre;  die  Aufhebung  des  Ediktes  von  Nantes  am  18.  Oktober  1685
belehrte  den  Kurfürsten,  daß  sein  Heil  im  Befolgen  einer  nationalen  Politik  liege  und
so  begann  er  wieder  Annäherung  an  seine  früheren  Freunde  zu  suchen.  Dem  Erlaß
Ludwigs  XIV.  antwortete  er  mit  seinem  Potsdamer  Edikt  vom  8.  November  1685,  nach
welchem  er  versprach,  daß  alle  Familien,  welche  um  der  Religion  willen  ihr  Vaterland
Frankreich  verlassen  mußten,  in  seinen  Staaten  Schutz  und  Sicherheit  finden  sollten.