298  Pom  groben  Kurfürsten  bis  zu  Friedrich  d.  Gr.

die  reichen  Städte  am  Rhein,  über  die  Ortschaften  der  südlichen  Pfalz  her  und  verwandelten
  sie  in  Aschenhaufen.  Der  gesprengte  Turm  des  Heidelberger  Schlosses  ist
noch  jetzt  ein  stiller  Zeuge  von  der  Barbarei,  mit  der  Melac  und  andere  Anführer  die
Befehle  einer  grausamen  Regierung  vollzogen.  Vom  März  bis  tief  in  den  Sommer
hinein  dauerte  das  Werk  der  Zerstörung.  Heidelberg  ging  zum  Teil  in  Flammen  auf,
nachdem  die  Neckarbrücke  in  die  Luft  gesprengt  worden;  Rohrbach,  Wiesloch,  Kirchheim,
Baden,  Bretten,  Rastatt,  Pforzheim  und  andere  Orte  wurdeun.  niedergebrannt,  Handschuchsheim,
  Lodenburg,  Dossenheim,  Schriesheim  erholten  sich  nie  wieder  ganz  von
den  Verheerungen,  womit  sie  der  „allerchristliche“  König  heimsuchte;  vom  Haardgebirge
bis  zur  Nahe,  Frankenthal,  Alzey,  Kreuznach  rauchten  Städte  und  Dörfer,  Weinberge
und  Fruchtfelder;  in  Mannheim  mußten  die  Einwohner  selbst  zerstörende  Hand  an  die
Festungswerke  und  Gebäude  legen.  Worms  wurde  mit  Ausnahme  der  Domlkirche  in
eine  öde  Brandstätte  verwandelt;  in  Speyer  verjagten  die  Franzosen  die  Bürgerschaft,
zündeten  die  ausgeplünderte  Stadt  und  den  altehrwürdigen  Dom  an  und  trieben  Hohn
mit  den  Gebeinen  der  alten  Kaiser.  Oppenheim  wurde  verwüstet.  Die  Festung  Mainz
und  die  meisten  Städte  des  Kölner  Erzstifts  erhielten  französische  Besatzungen;  tief  in
Schwaben  und  in  Franken  trieb  der  Reichsfeind  Brandschatzungen  ein.  „Man  kann  noch
heute  die  Holzschnitte  jener  Zeit,  auf  denen  über  den  Türmen  und  Dächern  so  vieler  altberühmten
  und  kunstgeschmückten  Städte  die  herausschlagenden  Flammen  und  die  darüber
liegenden  Rauchwolken  abgebildet  sind,  nicht  ohne  Herzeleid  ansehen.“

Die  Franzosen  hielten  sich  in  ihren  Stellungen.  Im  Anfang  war  das  Rheinland,
von  Köln  bis  nach  dem  Breisgau,  der  Kriegsschauplatz.  Mainz  und  Bonn  wurden  erst
nach  mehrwöchentlicher  Belagerung  von  brandenburgischen  und  sächsischen  Truppen  zurückerobert.
  In  den  Niederlanden  behaupteten  die  Franzosen  ebenso  wie  in  den  Alpengegenden
  ihren  Kriegsruhm,  und  von  Jahr  zu  Jahr  wuchs  ihre  Macht.  Eine  Niederlage
  wußten  sie  immer  wieder  durch  zwei  Siege  gut  zu  machen,  und  die  Erfolge,  die  die
Franzosen  namentlich  am  Rhein  hatten,  entschädigten  für  alles  andere.  An  denselben
war  freilich  nicht  in  erster  Linie  die  Tüchtigkeit  der  französischen  Generale,  sondern
vielmehr  die  Unfähigkeit  der  Gegner  schuld,  und  namentlich  der  Kommandant  Heidersdeck,
war  es,  der  von  seinem  Hauptquartier  in  Heidelberg  aus  durch  Feigheit  und  Verrat
den  Franzosen  Vorschub  leistete.  Denn  wenn  auch  die  Heidelberger  Bürger  die  Stadt
nunmehr  wieder  notdürftig  befestigt  hatten  und  entschlossen  waren,  dieselbe  bis  zu  ihrem
Untergang  zu  verteidigen,  so  brachte  es  doch  die  Kopflosigkeit  und  Feigheit  des  obengenannten
  Kommandanten  fertig,  daß  die  Stadt  beinahe  ohne  Schwertstreich  sich  den
Franzosen  ergab.  Die  Verwüstung,  welcher  sich  nun  die  Pfalz  ausgesetzt  sah,  beschreibt
Häusser  in  seiner  Geschichte  der  rheinischen  Pfalz  anschaulich  genug:  „Jetzt  holten  die
Truppen  Ludwig  XIV.  das  nach,  was  sie  1689  noch  unterlassen  hatten.  Nur  einige
Hundert  der  in  der  Stadt  Zurückgebliebenen  nahm  man  sich  die  Mühe,  zu  Gefangenen
zu  machen.  Die  übrigen  erlitten  schmachvolle  Mißhandlung,  am  grausamsten  verfuhr
man  gegen  Wehrlose  und  Schwache.  Fünf  Regimenter  zogen  plündernd  durch  die  Stadt;
das  Morden  der  Bürger,  die  ausgedachten  Qualen  der  Greise  und  Kinder  wurden
von  den  Flammen  beleuchtet,  womit  die  Kämpfer  des  „llerchristlichen  Königs“  die
Stadt  zum  zweitenmale  heimgesucht  hatten.  Was  noch  übrig  blieb,  trieb  man  in
die  heil.  Geistkirche;  als  sie  gefüllt  war,  wie  ein  Pferch  und  man  am  Altar  mit
den  Hilflosen  schreckliche  Mißhandlung  getrieben,  ward  auch  die  Kirche  angezündet.