300  Vom  großen  Kurfürsten  bis  zu  Friedrich  d.  Gr.

An  dem  Heulen  der  Eingesperrten,  über  deren  Köpfen  die  Glocken  schmolzen,  der
Turm  einzustürzen  drohte,  weideten  sich  die  Mordbrenner  behaglich;  erst  als  der
äußerste  Moment  der  Lebensgefahr  gekommen,  ließ  man  die  Armen  heraus,  um  sie  in
einer  andern  Kirche  weiteren  Qualen  preiszugeben.  Die  Stadt  stand  indessen  in  vollen
Flammen,  die  meisten  Kirchen  wurden  verbrannt  oder  stark  beschädigt;  die  Gebäude  der
Universität  gingen  ganz  zu  Grunde  und  von  den  Privathäusern  sind  nur  wenige  vom
Feuer  verschont  geblieben.  Alle  Bewohner  ohne  Unterschied  der  Religion  wurden  mißhandelt
  oder  verjagt;  die  Mauern  selbst  dem  Erdboden  gleich  gemacht.  Sogar  die
Gräber  der  Kurfürsten  schonte  man  nicht,  selbst  der  alte  König  Ruprecht  ward  in  seinen  sterblichen
  Ueberresten  aus  der  beinahe  dreihundertjährigen  Ruhe  hervorgerissen;  auch  Karl
Ludwigs  Ahnung,  daß  sein  Leichnam  im  Grabe  nicht  sicher  sein  würde,  fand  jetzt  ihre
Erfüllung.  Bis  in  den  September  lagen  die  Franzosen  noch  auf  dem  Schloß,  um  die
Zerstörung  zu  vollenden.  Die  Stadtmauern  und  die  Schanzen  um  die  Stadt  verschwanden
spurlos;  die  Tore  des  Schlosses  und  die  meisten  Befestigungen  wurden  gesprengt,  der
Otto  Heinrichsbau  verbrannt  und  ein  Teil  der  Gewölbe  entweder  verschüttet  oder  durch
Minen  zerstört.  Man  zählte  nach  dem  Abzug  der  Feinde  noch  einige  Dutzend  Wohnungen,
die  der  Verwüstung  nicht  unterlegen  waren.  In  Paris  ließ  Ludwig  XIV.  ein  Tedeum
seiern  und  eine  Denkmünze  mit  der  verbrannten  Stadt  schlagen,  deren  Jnschrift:  Rex
dixit  et  factum  est  Gottes  Allmacht  in  lächerlichster  Weise  parodierte.

Allein  am  Ende  wurde  man  von  beiden  Seiten  des  Krieges  müde,  Zwietracht
herrschte  unter  den  deutschen  Fürsten,  überall  mochte  man  Friedensneigungen  entdecken:
ein  Staat  nach  dem  andern  schloß  seinen  Sonderfrieden  mit  Frankreich,  und  am
30.  Oktober  1697  kam  zu  Ryswijk  unter  schwedischer  Vermittelung  auch  der  Friede
mit  dem  Kaiser  zustande.  Kehl,  Philippsburg,  Zweibrücken,  Freiburg  und  Breisach  wurden
an  das  Reich  zurückgegeben,  allein  Ludwig  versäumte  trotz  seiner  scheinbaren  Nachgiebigkeit
  doch  nicht,  diesen  Friedensbedingungen  eine  Klausel  anzuhängen,  die  recht  unbequem
war.  Er  verlangte  nämlich,  daß  in  allen  denjenigen  Ortschaften,  in  welchen,  wenn  auch
nur  vorübergehend,  während  deren  Besetzung  katholische:  Gottesdienst  gehalten  worden
war,  dieser  Kultus  auch  fernerhin  geduldet  werden  müsse.  Die  Hauptschuld  an  dem  Zustandekommen
  dieser  Klausel  fiel  freilich  auf  die  Vertreter  des  Kaisers,  die  nicht  den  Mur
hatten,  einer  solchen  Bestimmung  entgegenzutreten.

Der  Kaiser  hatte  freilich  gerade  jetzt  wichtigeres  zu  tun,  als  derartigen  Kleinigkeiten
  nachzugehen.  Wiederum,  und  zwar  mehr  denn  je,  drohte  Türkengefahr  dem  Reiche,
und  wenn  es  auch  bis  zum  Jahre  1696  nicht  gelungen  war,  einen  entscheidenden  Erfolg
herbeizuführen,  so  gelang  es  nun  einem  der  genialsten  Feldherrn  seiner  Zeit,  dem  Prinzen
Eugen  von  Savoyen,  einen  entscheidenden  Sieg  zu  erringen.

Prinz  Eugen  von  Savoyen-Carignan  hatte  schon  durch  die  Schicksale  seiner  Mutter,
einer  Nichte  Mazarins,  die  nach  dem  Tode  seines  Vaters,  des  Grafen  von  Soissons,  hatte
Frankreich  verlassen  müssen,  einen  Haß  gegen  Frankreich.  Vergeblich  hatte  er,  den  man
zum  Geistlichen  bestimmt  hatte,  sich  in  Frankreich  um  ein  militärisches  Kommando  beworben,
  und  sich  dann  in  seinem  Unmut  nach  Oesterreich  gewandt.  „Dieser  junge
Savoyarde,“  hatte  Markgraf  Ludwig  von  Baden  von  ihm  prophezeit,  wird  mit  der
Zeit  alle  diejenigen  erreichen,  welche  die  Welt  jetzt  als  große  Feldherrn  betrachtet.“  Bei
Zenta,  am  linken  Ufer  der  Theiß,  lieferte  Eugen  dem  Sultan  am  11.  September  1697
eine  Schlacht,  die  mit  der  Vernichtung  des  türkischen  Heeres  endigte.  Mehr  als  20000