302  Vom  großen  Kurfürsten  bis  zu  Friedrich  d.  Gr.

ihre  Hände  gebracht,  sie  bezogen  die  Rohstoffe,  insbesondere  Wolle  und  Metalle  aus  den
spanischen  Ländern  diesseits  und  jenseits  des  Ozeans,  und  führten  dafür  Fabrikate  nuf
die  spanischen  Märkte.  Ueber  die  Zölle  wurden  sie  mit  der  Regierung  und  dem  geldbedürftigen
  Hose  in  Madrid  leicht  einig.  Und  da  die  beiden  rivalisierenden  Handelsstaaten,
  die  sonst  so  oft  entgegengesetzte  Richtungen  einschlugen,  damals  mehr  als  je  einig
waren,  indem  der  Oranier  Wilhelm  III.  zugleich  das  Statthalteramt  in  den  Niederlanden
und  den  Thron  in  dem  britischen  Reich  inne  hatte,  so  wurde  hier  der  eifrigste  Versuch
gemacht,  einen  Ausgleich  zustande  zu  bringen,  ehe  die  Entscheidung  des  Schwertes  gesucht
wurde.  Die  diplomatische  Mission  Wilhelm  Bentinks,  Grafen  von  Portland,  dem  der
englische  König  sein  ganzes  Vertrauen  zugewendet  hatte,  sollte  den  Weg  bahnen.  Man
glaubte  am  besten  zum  Ziele  zu  kommen,  wenn  der  bayrische  Kurprinz  Joseph  Ferdinand
das  spanische  Pyrenäenland  und  die  Kolonieen  beherrsche,  die  übrigen  Länder  der  Monarchie
zwischen  Frankreich  und  Oesterreich  verteilt  würden.  Die  Statthalterschaft  der  Niederlande,
  welche  Max  Emanunel,  der  Vater  des  jungen  Prinzen,  verwaltete,  konnte,  wie  ihm
schon  früher  Hoffnung  gemacht  worden,  in  seiner  Person  „perpeltuiert“  werden.  Auf
diese  Weise  glaubte  man  zugleich  dem  Erbrecht  und  dem  Grundsatz  des  europäischen
Gleichgewichts  zu  genügen.

Auffallend  war  immerhin,  daß  man  in  dieser  wichtigen  Frage  dem  König  von
Spanien  selbst  keine  Entscheidung  einräumte.  Allein  dieser,  schwach  und  krank,  war  einer
selbständigen  Entschließung  kaum  mehr  fähig,  seine  zweite  Gemahlin,  Maria  Anna,  war
ob  ihrer  Leidenschaftlichkeit  und  Intriguensucht  bei  jedermann  verhaßt,  und  als  nun  die
Kunde  nach  Spanien  drang,  daß  die  Westmächte  noch  bei  Lebzeiten  des  Königs  sich  über
dessen  Nachfolger  vereinbart  hätten,  da  ergriff  allgemeine  Erregung  das  Land.  Noch
lebte  dort  die  Erinnerung  an  vergangene  Zeiten,  wo  die  Vorfahren  einst  eine  entscheidende
Stimme  im  europäischen  Völkerrat  besessen  hatten,  und  König  Karl  begegnete  nur  der
allgemeinen  Zustimmung,  als  er  nun  seinen  Oroßneffen  in  Bayern,  Joseph  Ferdinand,
zum  Erben  seines  Reichs  einsetzte.  Allein  noch  ehe  derselbe  nach  Spanien  kam,  starb  er
rasch  an  den  Pocken,  und  von  neuem  war  nun  den  politischen  Intriguen  und  den  diplomatischen
  Künsten  ein  weites  Feld  eröffnet.  Allerlei  Oorschläge  wurden  nun  von  neuem
betreffend  die  Erbfolge  gemacht,  allein  keiner  derselben  fand  ungeteilten  Beisall,  und  die
Hauptsache  war  nun,  den  mehr  und  mehr  seinem  Ende  nahenden  König  zu  einer  endgültigen
  Entscheidung  zu  bewegen.  Diese  Aufgabe  war  den  beiden  Gesandten  Graf
Harrach  und  dem  Margquis  von  Harcourt  zugefallen  Allein  so  tüchtig  auch  der  deutsche
Gesandte  sein  mochte,  so  gelang  es  doch  dem  französischen  Vertreter,  mehr  und  mehr
Einfluß  zu  gewinnen,  und  dem  Zureden  desselben  an  den  kranken  König,  daß  Frankreich
allein  stark  genug  sein  werde,  um  die  erwünschte  Einheit  zu  erhalten,  konnte  König  Karl
auf  die  Dauer  nicht  widerstehen.  So  entschloß  er  sich  denn,  wenige  Wochen  vor  seinem
Tode  eine  Urkunde  zu  unterzeichnen,  nach  welcher  Herzog  Philipp  von  Anjon  zu  seinem
Nachsolger  eingesetzt  wurde.  Allein  als  nun  die  Nachricht  von  dem  am  9.  November
1700  erfolgten  Tod  des  Königs  eintraf,  zögerte  Ludwig  trotzdem,  dessen  testamentarische
Bestimmung  zu  realisieren,  und  erst  am  12.  November  wurde  in  Versailles  Philipp  von
Anjou  zum  König  von  Spanien  erklärt.  Die  wichtige  Frage  schien  damit  gelöst,  auch
im  Ausland  schien  man  mit  dieser  Erledigung  derselben  zufrieden  zu  sein,  denn  wenn
auc)  Kaiser  Leopold  entschlossen  schien,  seine  Ansprüche  in  der  spanischen  Erbfolgefrage
#unt  den  Waffen  zu  verteidigen,  so  waren  dagegen  die  übrigen  Mächte  wenig  gesonnen,