Beutschland  bis  zum  Regierungsanlritt  Friedrichs  d.  Gr.  303

ihm  Beistand  zu  leisten,  und  weder  das  englische  Parlament  noch  die  „hochmögenden
Herren  in  Holland“  glaubten  irgend  einen  Grund  zum  Kriege  zu  haben.  Im  Gegenteil
  sah  man  sowohl  in  London  wie  im  Haag  mit  vollkommener  Zufriedenheit  auf  die
Lage  der  Dinge,  allein  in  Frankreich  wurde  durch  diesen  scheinbaren  Erfolg  zugleich  der
alte  Uebermut  wieder  rege,  und  trotz  allen  Abmahnungen  machte  Ludwig  aus  seiner  Absicht,
daraus  möglichst  Vorteile  für  Frankreich  zu  ziehen,  durchaus  keinen  Hehl.  Bald  verbreitete
  sich  die  Nachricht,  Max  Emanuel  habe  in  Verbindung  mit  französischen  Hilfstruppen
  die  von  Holländern  besetzten  Grenzstädte  überrumpelt  und  die  Besatzung  zum
Abzug  gezwungen,  und  da  man  glaubte,  daraus  deutlich  entnehmen  zu  können,  daß
Frankreich  nun  wiederum  darnach  strebe,  die  Alleinherrschast  in  Europa  zu  gewinnen,
so  machte  sich  auch  bald  ein  Umschwung  in  der  Strömung  bemerkbar.  Im  englischen
Parlament  glaubte  man  energisch  vorgehen  zu  müssen;  in  den  Haager  Konferenzen  setzte
man  den  französischen  Gesandten  lebhaften  Widerstand  entgegen;  man  war  sich  klar
darüber,  daß  Holland  und  England  gleichermaßen  von  Frankreich  bedroht  seien,  und  daß
eine  Erledigung  der  ganzen  Angelegenheit  auf  dem  Weg  des  Friedens  kaum  werde  möglich
sein.  Allein  noch  immer  glaubte  man  wenigstens  den  Schein  hiefür  wahren  zu  sollen.
Es  lag  in  der  Hand  der  französischen  Fürsten,  den  andern  Mächten  beruhigende  Zusagen
in  Betreff  der  Unabhängigkeit  Spaniens  namentlich  zu  geben.  Allein  der  Tod  Jakobs  II.
von  England,  des  Schwiegervaters  Wilhelms  III.,  änderte  mit  einem  Schlage  die  ganze
Sachlage.  Der  Dauphin  namentlich  war  es  gewesen,  der  für  Uebertragung  der  Nachfolge
auf  den  Sohn  gestimmt  hatte,  und  als  nun  verkündigt  wurde,  daß  Jakob  III.  König
von  England,  Schottland  und  Irland  sei,  da  ging  ein  Schrei  der  Entrüstung  über  dieses
eigenmächtige  Eingreifen  Frankreichs  durch  das  Land.  Aber  gerade  jetzt,  da  der  Oranier
die  schönste  Gelegenheit  hatte,  in  der  Tat  der  Retter  gegen  französische  Vergewaltigung
zu  werden,  griff  das  Schicksal  machtvoll  ein;  am  8.  März  1702  starb  er  an  den  Folgen
einer  Blutvergiftung,  und  nach  seinem  Tode  bestieg  seine  Schwägerin  Anna  Stuart  den
englischen  Thron,  welche  denn  auch  die  Leitung  des  Kriegs=  und  Staatslebens  vollständig
in  die  Hände  Marlboroughs  legte.

Indessen  hatte  der  Krieg  zwischen  den  Häusern  Habsburg  und  Bourbon  bereits
begonnen.  Rasch  war  Herzog  Viktor  Amadeus  gegen  Mailand  gezogen,  die  Dinge  lagen
möglichst  günstig  für  Frankreich,  und  Ludwig  hatte  allen  Grund,  an  neue  Siege  zu
glauben.  Allein  die  Dinge  hatten  sich  doch  ziemlich  geändert;  während  auf  seiner  Seite
die  tüchtigen  Feldherren  einer  nach  dem  andern  dahingegangen  waren,  standen  dagegen
auf  seindlicher  Seite  Männer  von  erprobter  Tüchtigkeit,  und  so  war  es  namentlich
Prinz  Eugen,  der  die  Seele  aller  militärischen  Unternehmungen  und  Anschläge  bildete.
Ihm  gelang  es  denn  bald,  gegen  Frankreich  nennenswerte  Vorteile  zu  erringen,  und
dadurch  in  Oesterreich  das  Zutrauen  zu  gewinnen,  dessen  es  zu  einem  gemeinsamen  Vorgehen
  bedurfte.

Im  südwestlichen  Deutschland  war  es  Ludwig  von  Baden,  welcher  namentlich  eine
Verbindung  der  Franzosen  mit  den  Bayern  zu  verhindern  suchte.  Er  fand  bald  eine
willkommene  Hilfe  an  dem  Herzog  von  Marlborongh,  der  nach  der  Maas  und  dem
Niederrhein  vorrückend,  den  französischen  Feldherrn  zwang,  sich  auf  seine  Selbstverteidigung
zu  beschränken.  In  kurzem  kamen  die  wichtigsten  Festungen  in  die  Hände  der  Verbündeten,
  die  bald  am  ganzen  Niederrhein  die  Oberhand  erlangten,  trotzdem  man  auch
der  französischen  Armee  und  ihrer  ganzen  trefflichen  Organisation  die  Bewunderung  nicht