Dentschland  bis  zum  Negierungsantritt  Friedrich  d.  Gr.  305

übersieht,  und  mit  der  Autorität,  die  auf  Erfahrung  und  Einsicht  gegründet,  sich  jeden
Augenblick  geltend  macht,  entwarf  er  den  Feldzug  und  Schlachtplan.  Von  Wien  aus
hatte  er  mit  dem  englisch-holländischen  Heersührer  Verbindungen  eingeleitet,  daß  derselbe
ihm  mit  seiner  Armee  nach  Süddeutschland  zu  Hilfe  ziehen  möchte,  und  wurde  in
seinem  Bemühen  von  dem  keiserlichen  Hofe  unterstützt.  Marlborough  ging  gerne  auf
den  Vorschlag  ein.  Er  war  mit  Eugen  ganz  einverstanden,  daß  man  durch  einen  großen
Schlag  eine  Entscheidung  herbeiführen,  in  die  lahme  Kriegsweise  Leben  und  Bewegung
bringen  müsse.  Aber  es  war  für  ihn  keine  leichte  Arbeit,  die  spröden  Elemente,  die
ihm  allenthalben  im  Wege  standen,  zu  überwinden;  in  England,  wo  die  Fraktionswut
zwischen  Tories  und  Whigs,  zwischen  Hochkirchlichen  und  Dissenters  einen  hohen
Grad  erreicht  hatte,  konnte  der  Herzog  nur  durch  die  Gunst  und  die  persönliche  Unterstützung
  der  Königin  zwischen  den  fast  gleichstarken  Parteien  sich  in  seiner  Machtstellung
behaupten;  er  bedurfte  glänzender  Erfolge  im  Felde,  wenn  nicht  der  Landkrieg  ganz
erschlaffen  sollte.“  Als  Marlborough  sich  mit  seinen  Truppen  dem  Neckar  zuwandte,
erriet  man  endlich  aus  französischer  Seite  den  Grund  dieser  Operation.  Dem  Marschall
Palland  gelang  es,  sich  bei  Villingen  mit  dem  Kurfürsten  zu  vereinigen,  und  kurz  darauf
fanden  sich  Eugen  und  Marlborough  in  dem  württembergischen  Städtchen  Großheppach
zusammen.

Die  zwischen  dem  Kaiser  und  dem  Kurfürsten  angebahnten  Vermittelungsversuche
hatten  zu  keinem  Resultat  geführt.  Ein  Angriff  auf  den  Schellenberg  nötigte  die
bayrischen  Truppen  zum  Abzug,  und  die  Schlacht  bei  Höchstädt  am  13.  August  1704
nötigte  das  französisch-bayrische  Heer  zur  Unterzeichnung  einer  Kapitulation,  wie  sie  die
Sieger  in  dieser  entscheidenden  Schlacht  vorschrieben.

Kurz  darauf  starb  Kaiser  Leopold  J.  und  sein  ältester  Sohn  Joseph  IJ.  bestieg  den
kaiserlichen  Thron.  Der  Gang  des  Krieges  wurde  dadurch  in  keinerlei  Weise  geändert.
Joseph  1.  war  in  manchen  Stücken  das  gerade  Gegenteil  seines  Vaters.  Eine  seiner  ersten
Handlungen  war,  daß  er  Marlborough  zum  Fürsten  des  Reichs  erhob  und  zugleich  aufs
eifrigste  die  Achtserklärung  gegen  den  Kurfürsten  Max  Emanuel  erhob.

Indessen  hatte  der  Krieg  überall  seinen  ungestörten  Fortgang.  In  den  Schlachten
bei  Ramillier  am  23.  Mai  1706  und  bei  Turin  am  7.  September  1706  errangen  die
Verbündeten  bedeutende  Siege,  während  dagegen  am  Oberrhein  und  in  Süddeutschland
die  Franzosen  mannigfache  Vorteile  gewannen.  Am  4.  Januar  1707  schied  Ludwig
von  Baden  aus  dem  Leben,  Prinz  Eugen  wurde  zu  seinem  Nachfolger  ernannt,  allein
er  empfahl  als  seinen  Stellvertreter,  da  er  selbst  noch  in  Italien  beschäftigt  war,  den
General  von  Thungen.  Statt  dessen  wählte  man  im  Fürstenrat  den  Markgrafen  Christian
von  Anspach-Bayreuth,  und  die  schlimme  Folge  davon  war,  daß  Marschall  Villars  bis
nach  Schwaben  und  Franken  vordrang.  Allein  die  Vorgänge  in  Spanien,  wo  die
französische  Sache  immer  mehr  ins  Wanken  kam,  brachten  Ludwig  XIV.  in  eine  immer
schlimmere  Lage.  Das  Jahr  1708  hatte  mit  Unglücksfällen  aller  Art  seine  letzten
Hoffnungen  vernichtet,  und  der  Winter  hatte  im  Bunde  mit  einer  Hungersnot  ihn  zu
Demütigungen  gezwungen,  wie  er  sie  noch  niemals  erlebt.  Wenn  er  auch  äußerlich  seine
Fassung  zu  bewahren  wußte,  so  nagte  doch  der  Kummer  bitter  genug  an  seinem  Herzen,
denn  die  Forderungen,  welche  die  Verbündeten  an  ihn  stellten,  waren  so  weitgehende,
daß  sie  alle  Früchte  seiner  bisherigen  Siege  zu  vernichten  drohten.  „Man  verlangte  von
ihm  die  unbedingte  Entsagung  auf  das  preußische  Königreich,  auf  die  spanischen  Nieder-Ebner,

  Illustrierte  Geschichte  Deutschlands.  21