306  Vom  großen  Kurfürsten  bis  zu  Friedrich  d.  Gr.

lande,  auf  Mailand,  auf  die  Besitzungen  in  Westindien  und  Südamerika.  Umsonst  machte
Ludwig  durch  Torcy  den  Generalstaaten  große  Zugeständnisse,  um  sie  zu  einer  Separatübereinkunft
  und  zu  einer  Trennung  von  der  Allianz  zu  bewegen,  umsonst  suchte  er  den
Herzog  von  Marlborough,  dessen  Habsucht  und  Geldgier  bekannt  war,  durch  verlockende
Anerbietungen  zu  gewinnen,  wenn  man  seinen  Enkel  nur  im  Besitz  von  Neapel  und
Sicilien  lassen  würde;  die  „Triumvirn“  hielten  in  ungeschwächter  Eintracht  zusammen,
die  gesamte  spanische  Monarchie  sollte  an  Karl  III.  übergehen.  -  Ja  als  die  Versoailler
Regierung  sich  geneigt  zeigte,  sogar  auf  dieser  Basis  in  Friedensunterhandlungen  einzutreten,
  wurden  neue  Forderungen  gestellt,  selbst  Elsaß  mit  Straßburg,  selbst  die  Freigrafschaft,
  wo  Kundgebungen  für  die  Rückführung  des  alten  Regiments  im  Volke  hervortraten,
  selbst  die  lothringischen  Bistümer,  selbst  die  Festungen  Condée  und  Valenciennes
sollten  herausgegeben  werden.  In  England  sprach  man  davon,  daß  man  den  französischen
König  zwingen  müsse,  den  Stuartschen  Prätendenten  aus  seinen  Staaten  zu  weisen,  die
Festungswerke  von  Dünkirchen  zu  schleifen,  den  Hugenotten  ihre  alten  Rechte  zurückzugeben.
  Wie  tief  ehedem  in  den  Zeiten  seines  Glücks  und  seiner  Größe  der  französische
Gewalthaber  durch  Stolz  und  Uebermut  die  andern  europäischen  Mächte  verletzt  haben
mochte,  jetzt  wurde  ihm  in  vollem  Maße  vergolten.  Er  mußte  den  Becher  der  Demütigung
bis  auf  den  Grund  leeren.  Im  Lager  der  Verbündeten  sprach  man  davon,  daß  man
die  Waffen  in  das  Herz  Frankreichs  tragen,  in  Versailles  den  Frieden  diktieren  müsse.
Torcy  verlangte  einen  zweimonatlichen  Waffenstillstand,  um  auf  Grund  der  von  den
Alliierten  gestellten  Forderungen  einen  Friedensschluß  zustande  zu  bringen;  die  drei
gebietenden  Herren,  nicht  zufrieden  mit  der  Zusage,  daß  dem  König  von  Spanien  jede
Hilfeleistung  von  seiten  Frankreichs  entzogen  werden  sollte,  wollten  die  Waffeneinstellung
nur  unter  der  Bedingung  gewähren,  daß  Ludwig  seinen  eigenen  Enkel  entthrone,  daß  er
demselben  nicht  nur  jeden  Beistand  versagen,  sondern  ihn  aus  Spanien  vertreiben  helfe.
Französische  Truppen  sollten,  mit  den  Verbündeten  vereinigt,  den  habsburgischen  König
auf  den  Thron  von  Madrid  führen.  Zu  solchem  Grade  der  Schmach  und  Entehrung
lonnte  Ludwig  nicht  gebracht  werden.  Stand  denn  nicht  in  Flandern  noch  ein  kampfbereites
  Heer  unter  Villars,  einem  Feldherrn,  der  bei  allem  großsprecherischen  Wesen
und  räuberischen  Eigennutz  doch  auch  militärische  Talente  besaß,  und  die  Soldaten  in
Ordnung  und  Zucht  zu  halten  wußte."

So  entschloß  sich  denn  Ludwig,  den  Krieg  fortzusetzen.  Bei  Malplaquet  kam  es
am  11.  September  1709  zu  einer  blutigen  Schlacht,  und  wenn  dieselbe  auch  unentschieden
blieb,  so  hatte  doch  Ludwig  so  empfindliche  Verluste  erlitten,  daß  Frankreich  nun  wohl
unter  allen  Bedingungen  den  Frieden  annehmen  mußte.  Allein  mit  einemmale  traten
Umschläge  ein,  die  auch  diese  Tatsache  in  Ungewißheit  zu  stellen  schienen.  Die  Ereignisse
in  Spanien,  wo  das  Kriegsglück  zwischen  beiden  Parteien  hin  und  her  schwankte,  hatten
es  am  Ende  doch  möglich  gemacht,  daß  Philipp  V.  gegenüber  Karl  III.  die  Oberhand
behielt.  Ludwig  XIV.  war  darüber  sehr  erfreut;  auch  in  England  schien  man,  gezwungen
  durch  die  inneren  Verhältnisse,  dem  Frieden  durchaus  nicht  abgeneigt  zu  sein,
und  als  Kaiser  Josef  I.  am  17.  April  1711  ohne  männliche  Nachkommen  starb,  konnte
man  wohl  einen  baldigen  Frieden  als  gesichert  annehmen.  Frankreich  und  England
suchten  Anknüpfungspunkte  miteinander,  in  Utrecht  wurde  alles  aufs  eingehendste  besprochen
und  beraten,  und  als  im  Frühjahr  1713  das  Pacifikationswerk  abgeschlossen  wurde,
schien  das  Gleichgewicht  nun  einigermaßen  wiederhergestellt  zu  sein.  Man  hatte  dabei