308  Vom  großen  Kurfürsten  bis  zu  Friedrich  d.  Gr.

freilich  auf  die  habsburgischen  Interessen  nur  wenig  Rücksicht  genommen,  und  Karl  VI.,
der  nun  den  deutschen  Kaiserthron  bestieg,  konnte  sich  nur  schwer  entschließen,  die  Utrechter
Bestimmungen  anzuerkennen.  Erst  der  Friede  von  Rastatt  und  Baden  im  Jahre  1714
brachte  einigermaßen  Ordnung  in  diese  verwickelte  Angelegenheit,  die  Kurfürsten  von
Bayern  und  Köln  wurden  wieder  in  Land  und  Würden  eingesetzt,  Landau  überließ
man  den  Franzosen,  während  Freiburg,  Breisach  und  Kehl  dem  Reich  zurückgegeben
wurden.

Bei  allen  diesen  Bestimmungen  und  Friedensschlüssen  hatte  man  den  jungen
preußischen  Königsstaat,  auf  dessen  Entstehen  wir  später  eingehend  zu  sprechen  kommen
werden,  wenig  berücksichtigt.  König  Friedrich  I.  hatte  sich  nur  einmal  zu  einer  energischen
Regierungshandlung  aufgeschwungen,  nach  Karls  XII.  von  Schweden  Niederlage  von
Pultawa;  allein  er  war  nicht  der  Mann,  um  einen  solchen  Erfolg  auch  nach  allen  Seiten
hin  auszunützen.  Ein  Neutralitätsvertrag  war  von  den  Schweden  nicht  respektiert  worden,
und  Friedrich  I.  selbst  war  nicht  der  Mann,  um  die  Grenzen  seines  Reichs  mit  dem
Schwert  zu  erweitern.  Der  preußische  Thronwechsel  am  25.  Februar  1713  war  immerhin
ein  glückbringendes  Ereignis  für  den  Staat.  Lediglich  der  strammen  Persönlichkeit  des
neuen  Herrschers  war  es  zu  danken,  daß  man  Preußen  beim  Utrechter  Friedensschluß
nicht  ganz  übergangen  hatte;  man  hatte  Preußen  für  seine  Ansprüche  an  die  Güter  des
Hauses  Oranien  zumeist  mit  Geld  entschädigt,  Frankreich  und  Spanien  hatten  die
preußische  Königswürde  anerkannt,  und  als  nach  Friedrich  II.  Tod  Friedrich  Wilhelm  I.
den  preußischen  Königsthron  bestieg,  schien  nun  auch  der  Friede  im  Lande  ein  ziemlich
gesicherter.  Der  Unterschied  zwischen  Friedrich  I.  und  seinem  Nachfolger  Friedrich
Wilhelm  I.  war  freilich  ein  ziemlich  bedeutender.  Friedrich  I.  hatte  an  Prunk  und  Glanz
mehr  Freude  gehabt,  als  an  dem  einfachen  soldatischen  Wesen,  dem  nun  sein  Sohn  und
Nachfolger  Friedrich  Wilhelm  I.  huldigte.  Die  Prachtliebe  des  ersten  Königs  von  Preußen
hatte  zudem  eine  ziemlich  bedeutende  Summe  verschlungen,  und  es  war  nun  ein  Glück,
daß  Friedrich  Wilhelm  I.  eine  von  seinem  Vater  so  durchaus  verschiedene  Natur  zeigte.
„Eine  gesunde,  derbe,  rauhe  Soldatennatur,  allem  äußeren  Schein  und  feineren  Schmuck
des  Lebens  abgeneigt,  den  Blick  auf  das  Nächstliegende,  Praktische  gerichtet,  voll  einfach
bürgerlicher  Tugend,  sparsamer  Wirtschaftlichkeit  und  patriarchalischen  Sinns,  in  einer
Zeit,  da  die  frevelhafteste  Volksbedrückung  und  wahnsinnigste  Genußsucht  als  das  ganze
Recht  des  Fürsten  angesehen  ward,  ein  Mann  von  nüchternster  Realität,  unzugänglich  für
die  luftigen  Gebilde  einer  weitausgreifenden  Politik  und  die  Lockungen  eines  schwindelhaften
  Ehrgeizes,  so  steht  Friedrich  Wilhelm  I.  vor  uns,  und  die  Frucht  seiner  Regierung
ist  die  Sammlung  der  gediegenen  Kräfte,  die  es  dem  preußischen  Staat  ermöglichten,  bald
darauf  eine  schwere  entscheidungsvolle  Prüfungszeit  glücklich  zu  bestehen.  Es  waren
redliche,  wohlmeinende  und  rechtschaffene  Absichten,  die  der  König  im  Sinne  trug  und
mit  zäher  Energie  verwirklichte.  Herrisch,  durchfahrend,  unbezähmbar  heftig,  rechthaberisch
und  eigensinnig,  ein  strenger  Autokrat,  der  alles  selbst  beobachtet  und  leitet,  von  einer
unermüdlichen  Arbeitskraft,  ein  Feind  aller  Verweichlichung  und  Bequemlichkeit,  setzte  er
seinen  eisernen  Willen  allen  Schwierigkeiten  zum  Trotz  durch  und  verlangte  den  unbedingtesten
  Gehorsam  all  seiner  Untertanen.  „Gehorchen  und  nicht  räsonnieren“  war
sein  beliebter  Bescheid  auf  Eingaben  und  Vorstellungen.  Alles  zitterte  vor  dem  zornigen
Mann,  der  nicht  den  leisesten  Widerspruch  ertragen  konnte,  der  mit  seinen  Untergebenen,
vom  Minister  und  General,  bis  zum  Lakaien  und  Soldaten,  in  der  heftigsten  Weise