310  Vem  grohen  Kurfürsten  bis  zu  Friedrich  d.  Gr.

umging,  wohl  auch  eigenhändig  mit  dem  Stock  dreinfuhr;  die  Straßen  wurden  öde  und
leer,  wenn  sich  der  gefürchtete  König  zeigte  und  selbst  nachsah,  ob  seine  polizeilichen
Anordnungen  befolgt  wurden.  Niemals  gab  es  härtere  Kriminalgesetze  und  nie  wurden
sie  strenger  vollzogen.  Für  Blutschuld  Gnade  zu  üben,  ging  ihm  geradezu  gegen  das
Gewissen,  aber  auch  auf  Diebstahl,  namentlich  wenn  es  sich  um  Veruntreuung  fiskalischer
Gelder  handelte,  stand  meist  der  Galgen.  Die  ganze  Justiz  war  im  höchsten  Grade
patriarchalisch  willkürlich  und  summarisch;  der  König  selbst  griff  beliebig  in  die  Recht—
sprechung  ein  und  entschied  nach  seinen  gesunden,  oft  freilich  auch  recht  rohen  und  gewalttätigen
  Begriffen;  den  schwerfälligen  und  verwickelten  Formen  der  zünftigen  Jurisprudenz
war  er  äußerst  abgeneigt.  An  die  Arbeitskraft  und  Pflichttreue  seiner  Beamten,  die  er
ohne  Rücksicht  auf  Stand,  Rang  und  Konfession  auswählte,  stellte  er  die  höchsten  Anforderungen.
  Wehe  dem,  der  eine  Sitzung  ohne  Grund  versäumte  oder  zu  spät  auf  dem
Bureau  erschien;  unaufhörlich  wurde  betont,  daß  man  die  Beamten  bezahle,  damit  sie
arbeiten.  Eine  neue  Behördenorganisation  mit  vom  König  selbst  verfaßten  Instruktionen,
die  Gründung  des  „Generaldirektoriums“,  eines  Zentralkollegiums  zum  Zweck  größerer
Einheit  in  der  Verwaltung  und  einer  systematischen  Ordnung  des  Staatshaushaltes,
und  die  zahlreichen  eigenhändigen,  durch  ihre  kanonische  Kürze  und  Derbheit  berühmten,
überall  die  Sache  treffenden  Randbemerkungen  auf  den  amtlichen  Berichten  und
Aktenstücken  zeugen  von  der  genauen  Einsicht  des  Monarchen  in  alle  Zweige  der  Verwaltung,
  von  seinem  praktischen  Sinn  und  Sachpverständnis.

Die  materielle  Seite  der  Staatsverwaltung  nahm  dagegen  sein  ganzes  Interesse
in  Anspruch.  Er  scheute  keine  Mittel,  um  die  Einkünfte  des  Staates  zu  erhöhen,  und
die  rücksichtslose  Energie,  mit  welcher  er  seine  darauf  bezüglichen  Prinzipien  durchführte,
kann  nicht  immer  gutgeheißen  werden.  Die  15  000  Salzburger,  die  wegen  ihres
Glaubens  vertrieben  worden  waren,  fanden  denn  auch  bei  ihm  aus  materiellen  Gründen
freundliche  Aufnahme,  und  es  war  bei  ihm  nur  eine  einzige  Leidenschaft,  welche  ihn  keine
Sparsamkeitsrücksichten  kennen  ließ,  das  war  diejenige  für  seine  Soldaten  und  das  ganze
Militärwesen.  Seine  „lieben  blauen  Kinder“  hatten  sich  denn  auch  seines  ganz  besonderen
Interesses  zu  erfreuen,  ihre  Verpflegung,  ihre  Einexerzierung  war  ihm  die  liebste
Beschäftigung,  und  schon  damals  stand  die  preußische  Armee  besonders  auch  in  der
technischen  Ausbildung  einzig  da.  Leopold  von  Dessau  namentlich  war  es,  welcher  dem
König  in  diesen  seinen  organisatorischen  Bestrebungen  treu  zur  Seite  stand,  wenngleich
er  die  Vorliebe  seines  Königs  für  die  „langen  Kerle“,  Soldaten  von  außergewöhnlich
großem  Wuchse,  doch  nicht  zu  teilen  schien.  Um  solche  zu  bekommen,  erschien  dem
König  alles  willkommen,  kein  Mittel  war  ihm  zu  schlecht,  kein  Weg  zu  weit,  wenn  es
galt,  einen  langen  Menschen  für  seine  Armee  zu  gewinnen.

In  dem  indessen  ausgebrochenen  nordischen  Krieg  gelang  es  ihm  feste  Stellung
zu  nehmen.  Allein  da  Karl  XII.  nachträglich  von  den  Streitigkeiten  nichts  wissen  lassen
wollte,  kam  es  1715  zu  einem  Kampfe,  in  welchem  die  Insel  Rügen  eingenommen  und
Stralsund  erobert  wurde.  Schon  damals  hatte  Zar  Peter  deutlich  bei  einem  jeden
Anlaß  gezeigt,  daß  er  keineswegs  mit  einem  weiteren  Fortschreiten  Preußens  einverstanden
sein  könne,  und  der  König  hatte  dagegen  die  Notwendigkeit  erkannt,  den  Wünschen  des
Zaren  vorerst  keine  Rechnung  zu  tragen.  Zudem  war  nun  neuerdings  Preußens  Lage
um  so  schwieriger,  als  das  Haus  Hannover  mit  aller  Gewalt  darnach  strebte,  an  die
Stelle  von  Schweden,  als  dem  bisherigen  Unterhandlungsorte,  sich  selbst  als  Führer  in