318  Friedrich  d.  Gr.  und  seiue  Zeit.

und  wo  er  ihn  nach  Gefallen  leben  ließ.  Dies  waren  Friedrichs  glücklichste  Jahre.  Er
hatte  einen  Kreis  vertrauter  und  geistreicher  Freunde  um  sich,  mit  denen  er  den  Wissenschaften
  oblag,  allein  er  sorgte  zugleich  immer  dafür,  daß  sein  Vater  mit  ihm  zufrieden
  war.

Die  Thronbesteigung  Friedrichs  des  Großen.

Im  Jahre  1740  bestieg  Friedrich,  28  Jahre  alt,  den  Thron  und  zeigte,  daß  er  das
nicht  unvorbereitet  tue.  Die  vorzüglichen  Einrichtungen  seines  Vaters  behielt  er  bei,
ebenso  wie  dessen  Minister  und  Räte  und  erteilte  jedem  seiner  Untertanen,  sowie  jeder
Behörde  die  Erlaubnis,  sich  an  ihn  selbst  zu  wenden.  Friedrich,  einer  der  tätigsten
Fürsten,  hatte  es  sich  zur  Aufgabe  gemacht,  Preußen  in  die  Reihe  der  europäischen
Großmächte  zu  erheben.  Er  erreichte  dieses  Ziel  auch  durch  glückliche  Kriege,  durch
welche  er  von  Oesterreich  das  wichtige  Schlesien  gewann,  und  die  Einwohnerzahl  Preußens
von  kaum  2½  Millionen  auf  6  Millionen  brachte.

So  wie  Friedrich  in  jenem  Kriege  sich  als  einen  der  größten  Feldherrn  aller  Zeiten
bewies,  so  zeigte  er  sich  auch  gleich  groß  im  Frieden,  durch  eine  weise  Verwaltung,
durch  strenge  Gerechtigkeit  und  Sparsamkeit,  durch  Beförderung  der  Künste  und  Wissenschaften,
  des  Handels  und  der  Gewerbe.  Die  unglückliche  Sitte  der  Zeit  wollte,  daß
französische  Lehrer  und  Bücher  den  Gedankenkreis  des  Knaben  und  Jünglings  gänzlich
beherrschten.  Und  früh  schon  wurde  der  Mann,  welcher  einen  unübersehbar  verderblichen
Einfluß  auf  sein  Zeitalter  und  die  Nachwelt  geübt,  dessen  scharfer  Verstand  und
schneidender  Witz  nichts  Heiliges  unangetastet  ließ,  Voltaire,  das  größte  Vorbild  für
Friedrichs  empfängliche  Seele.  Dieses  Mannes  Schriften  waren  des  Jünglings  tägliche
Beschäftigung;  sie  nahmen  sein  Gemüt  so  gefangen,  daß  er  ihn  in  seiner  Bewunderung
über  alle  Sterbliche  erhob  und  nach  seiner  Freundschaft  trachtete,  wie  nach  dem  schönsten
Kleinod.  Der  eitle,  eigensüchtige  Fremde,  wußte  diese  Stimmung,  die  er  aus  des  Prinzen
Briefen  sah,  trefflich  zu  benutzen.  Er  schmeichelte  dem  königlichen  Freunde  wieder  und
in  diesem  gegenseitigen  Spiele  der  Selbstliebe  wähnte  der  Jüngling  die  glücklichste
Freundschaft  gestiftet  zu  haben.  Wie  aber  Freundschaft  nur  durch  strenge  Wahrheit  bestehen
  kann,  wenn  die  Seelen  klar  und  offen  voreinander  daliegen,  so  konnte  jene  Verbindung,
  auf  so  lockerem  Grunde  ruhend,  die  schärfere  Prüfung  nicht  bestehen.  Im
späteren  Zusammenleben,  als  Voltaire  1750  an  des  Königs  Hof  berufen  ward,  zeigte  sich
täglich  mehr  und  mehr  die  kalte,  neidische  und  gehässige  Seele  des  Günstlings.  Defrühere
  Zauber  wich  von  des  Königs  Augen,  die  Gemüter  wurden  einander  fremd  und
endlich  trennte  man  sich  in  heftiger  Erbitterung.  Voltaire  aber  rächte  sich  bei  seiner
Rückkehr  nach  Frankreich  durch  die  bittersten  Schmähschriften.  Im  übrigen  erwarb  sich
Friedrich  nicht  nur  die  ungeteilte  Liebe  seines  Volkes,  sondern  auch  die  Achtung  und
Bewunderung  Europas.