332  Friedrich  d.  Gr.  und  seine  Zeit.

auf  den  Höhen  anzugreifen,  der  Feldmarschall  Keith  wurde  von  zwei  Kartätschenkugeln
durchbohrt,  Prinz  Moritz  von  Dessau  schwer  verwundet.  Der  anbrechende  Tag  brachte
keinen  Vorteil,  ein  undurchdringlicher  Nebel  verhinderte  den  König  die  Lage  der  Feinde
und  der  Seinigen  zu  erkennen.  Doch  hatten  sich  seine  Scharen  wieder  gesammelt,  und
als  um  9  Uhr  die  Sonne  durchbrach,  sah  er,  daß  ein  Teil  des  österreichischen  Heeres
schon  seine  Seiten  umging,  und  gab  den  Befehl  zum  Rückzug,  der  mit  so  großer  Ordnung
geschah,  daß  der  österreichische  Feldherr  ihn  garnicht  störte,  sondern  in  sein  altes  Lager
zurückkehrte.

Friedrich  verlor  den  Mut  nicht.  Er  setzte  durch  künstliche  Märsche  und  Wendungen
seine  ursprüngliche  Absicht  durch,  täuschte  den  Gegner,  umging  seine  Stellung,  erschien
plötzlich  in  Schlesien  und  zwang  den  General  Horst  die  Belagerung  von  Neisse  aufzuheben.
Schlesien  wurde  ganz  vom  Feinde  befreit;  Daun  kehrte  mißmutig,  nachdem  auch  ein  Angriff
  auf  Dresden  mißlungen  war,  nach  Böhmen  zurück.  So  war  Friedrich  trotz  aller
Unfälle  am  Ende  des  Jahres  im  Besitze  aller  seiner  Länder;  wie  am  Ende  des  vorigen,
ja  die  Festung  Schweidnitz,  welche  ihm  damals  noch  fehlte,  hatte  er  jetzt  in  seiner  Gewalt,
und  auch  seine  westfälischen  Länder  waren  durch  den  tapferen  Prinzen  Ferdinand  von
Braunschweig,  den  Franzosen  entrissen.  Ferdinand  hatte  sich  zwar  jenseits  des  Rheines
nicht  behaupten  können,  aber  am  Ende  des  Feldzugs  zwang  er  doch  die  Franzgosen  ihm
das  ganze  rechte  Rheinufer  zu  lassen  und  ihr  Winterlager  zwischen  dem  Rhein  und  der
Maas  zu  nehmen.

Das  folgende  Jahr  (1759)  war  für  den  König  das  herbste  des  ganzes  Krieges.
Die  österreichischen  Heere  wurden  trefflich  ergänzt,  ja  sie  erschienen  mit  jedem  Jahre
schöner  auf  dem  Kampfplatze,  weil  die  Ergänzungen  aus  der  kräftigsten  Jugend  der  österreichischen
  Erbländer  genommen  und  gut  geübt  waren;  bei  der  Stärke  der  österreichischen
Heere  war,  der  blutigen  Schlachten  ungeachtet,  doch  ein  beträchtlicher  Kern  alter  Soldaten
übrig  geblieben.  Friedrichs  Heer  dagegen  bestand  größtenteils  aus  Neugeworbenen.
Seinem  eigenen,  sowie  dem  sächsischen  und  mecklenburgischen  Land  wurden  durch  die  erdrückenden
  Abgaben  und  das  Ausheben  der  jungen  Mannschaft  fast  unheilbare  Wunden
geschlagen.  Der  Herzog  von  Mecklenburg  hatte  sich  auf  dem  Reichstage  zu  Regensburg
an  die  Spitze  der  Fürsten  gestellt,  welche  Friedrich  am  heftigsten  anklagten,  und  die
Reichsacht  über  ihn  aussprechen  wollten.  Dafür  wurde  sein  Land  wie  ein  feindliches
behandelt.  Zur  Reichsacht  kam  es  nicht.  Denn  da  dieselbe  Strenge  gegen  den  Kurfürsten
von  Hannover  nötig  gewesen  wäre,  so  wiedersetzten  sich  die  meisten  evangelischen  Reichsstände
  der  Verurteilung  zweier  ihrer  bedeutendsten  Glieder.

Die  russische  Kaiserin  sandte  neue  Scharen  und  in  dem  General  Koltikow  einen
tapferen  Feldherrn;  auch  Frankreich  bot  noch  einmal  alle  Kräfte  auf,  um  den  Besitz  von
Westfalen,  Hannover  und  Hessen  mit  Uebermacht  zu  erzwingen.  An  Hannover  wollte
Frankreich  Rache  nehmen  für  die  großen  Verluste,  die  es  auf  dem  Meere  und  jenseits
des  Meeres  durch  England  erlitten  hatte.  Durch  glorreiche  Siege  der  britischen  Seehelden
  war  Frankreichs  Seemacht  hart  beschädigt;  in  Ostindien  wie  in  Nordamerika
waren  beträchtliche  Landstrich:  verloren.  Den  Racheplänen  Frankreichs  in  Deutschland
sollte  nun  Herzog  Ferdinand  mit  kleiner  Macht  einen  Damm  entgegenstellen.  Der
Herzog  war  ron  zwei  Seiten  bedroht.  Am  Main  stand  der  Herzog  von  Broglie  und
hatte  seinen  Mittelpunkt  in  Frankfurt,  welches  er  durch  Ueberrumpelung  in  seine  Gewalr
gebracht  hatte.  Vom  Niederrhein  her  sollte  der  Marschall  von  Contades  mit  dem  Haupt-