336  Friedrich  d.  Gr.  und  seine  Zeit.

—  —.  —  —

goldenes  Etui  in  ihrem  Laufe  aufgehalten  wurde.  Endlich  als  die  österreichischen  Reiterhaufen
  heransprengten,  ergriffen  seine  Begleiter  die  Zügel  seines  Pserdes  und  führten
ihn  halb  mit  Gewalt  aus  dem  Schlachtgetümmel.  Es  war  der  Rittmeister  von  Prittwitz,
der  ihn  mit  seinen  Husaren  in  Sicherheit  brachte.  In  diesem  Augenblick  schrieb  der
König  an  seinen  Minister  von  Falkenstein  diesen  Zettel:  „Alles  ist  verloren,  retten  Sie
die  königliche  Familie",  und  einige  Stunden  später:  „Die  Folgen  der  Schlacht  werden
schlimmer  sein  als  die  Schlacht  selbst.  Ich  werde  den  Ruin  des  Vaterlandes  nicht  überleben.
  Gott  befohlen  auf  immer.“

So  finster  und  hoffnungslos  war  es  in  der  Seele  des  Königs.  Am  Abend  warf
er  sich  in  dem  Dorfe  Oetscher  in  einer  halbzerstörten  Bauernhütte  schlaflos  auf  ein
Strohlager,  sein  Gefolge  schlief  ringsumher  auf  bloßer  Erde.  Hätte  nicht  ihn  und  sein
Volk  eine  höhere  Hand  gerettet,  so  wären  sie  verloren  gewesen.  Dem  Feind  stand  der
Weg  nach  Berlin  offen;  von  des  Königs  großem  Heere  fanden  sich  am  Morgen  nur  ungefähr
  5000  Mann  zusammen.  Erst  nach  einiger  Zeit,  da  er  die  Flüchtlinge  gesammelt
und  alles  an  sich  gezogen  hatte,  konnte  er  bis  18  000  Mann  zusammenbringen,  und  nur
mit  Mühe  für  die  165  Kanonen,  die  er  verloren  hatte,  einige  Geschütze  aus  Berlin  herbeischaffen.
  Dennoch  ward  seine  Hauptstadt  gerettet.  Der  russische  Feldherr  verfolgte  seinen
Sieg  nicht,  vielleicht  aus  heimlicher  Rücksicht  für  den  russischen  Thronerben  Peter,
vielleicht  auch  nur  aus  Unzufriedenheit  über  die  Untätigkeit  des  österreichischen  Hauptheeres.

Der  österreichische  Feldherr  wurde  indes  durch  des  Königs  Bruder,  Heinrich,  der
alle  Listen  der  Kriegskunst  aufbot,  in  der  Lausitz  aufgehalten  und  durch  treffliche  Wendungen
und  Märsche  ohne  eine  Schlacht  sogar  gezwungen,  sich  in  die  böhmischen  Gebirge  zurückzuziehen.
  Doch  zwei  große  Verluste  konnte  Heinrich  nicht  abwenden.  Der  erste  war  die
Räumung  von  Dresden,  dem  wichtigsten  Platze  für  Preußen  in  dem  ganzen  Kriege.
Friedrich  hatte  seinem  dortigen  Befehlshaber,  dem  Grafen  Schmettau  in  der  ersten  Niedergeschlagenheit
  nach  der  Kunersdorfer  Schlacht  den  Befehl  zugeschickt,  wenn  er  ernsthaft
angegriffen  würde,  nur  die  Kriegskasse  mit  7  Millionen  Thalern  zu  retten.  Daher  übergab
  Schmettau,  der  Reichsarmee  an  demselben  Tage  (4.  September)  die  Stadt,  als  der
später  vom  Könige  zum  Entsatze  abgesandte  General  Wunsch  schon  in  der  Nähe  war.
Die  Kriegskasse  war  gerettet.  Aber  alle  Vorräte  und  der  Platz  selbst,  der  dem  Feldmarschall
  Daun  die  Möglichkeit  bot,  zum  erstenmal  sein  Winterlager  in  Sachsen  zu
nehmen,  waren  verloren.  Der  König  versuchte  alles,  ihn  aus  seiner  Stellung  zu  vertreiben.
  Er  sandte  den  General  Fink  mit  15000  Mann  in  den  Rücken  des  österreichischen
Heeres  nach  Maxen.  Dieser  aber  verlor,  als  er  angegriffen  wurde,  den  Mut  und  die
Besonnenheit  und  gab  sich  nach  blutigen  Gefechten  mit  11000  Mann  gefangen.  Daun
zog  mit  den  Gefangenen  wie  im  Triumphe  in  Dresden  ein  und  nichts  konnte  ihn  von
seinem  Entschlusse  abbringen,  in  Sachsen  sein  Winterlager  zu  nehmen.  Der  König  wollte
ihn  durch  Ausdauer  ermüden  und  blieb  noch  sechs  Wochen  lang  in  fürchterlicher  Kälte
im  offenen  Feldlager  bei  Wilsdruf  stehen,  wodurch  Daun  dasselbe  zu  tun  und  zu  leiden
gezwungen  war.  Endlich  aber  zwang  die  Strenge  des  Winters  1760  beide  ihren  Heeren
Ruhe  zu  gönnen.  Der  König  blieb  in  den  ihm  noch  übrigen  Teilen  von  Sachsen  und
nahm  seinen  Standpunkt  in  Freiburg.

Mit  jedem  neuen  Jahre  (1760)  wurde  Friedrichs  Lage  schwieriger.  Der  Umfang
des  Raumes,  den  er  noch  sein  nennen  konnte,  war  wohl  nicht  verengert  worden,  allein
die  inneren  Hilfsquellen  versiegten  immer  mehr.  Die  Heere  wurden  kleiner  und  schlechter;