346  Friedrich  d.  Gr.  und  seine  Zeit.

Friedrich  Wilhelm  II.  1786  —  1797.

Nach  Friedrichs  d.  Gr.  Tod  bestieg  sein  Neffe  Friedrich  Wilhelm  II.  den  preußischen
Königsthron.  Mit  dem  Beginn  seiner  Regierung  suchte  er  einige  Einrichtungen  ins  Leben
zu  rufen,  die  ihm  die  erwünschte  Popularität  sichern  sollten.  Er  beseitigte  die  französische
Regie  samt  dem  Kaffee=  und  Tabaksmonopol,  ließ  die  französischen  Beamten  durch
preußische  ersetzen,  der  Armeeverwaltung  ließ  er  eine  oberflächliche  Reform  angedeihen,
das  Erziehungs=  und  Unterrichtswesen  nach  einem  bestimmten  Plane  ordnen,  und  verwandte
  auf  die  Unterstützung  von  Industrie  und  Landwirtschaft  ansehnliche  Summen.
Allein  von  allen  diesen  Resormen  war
nicht  eine  einzige  durchgreifender  Art.
Zudem  drängten  sich  bald  Günstlinge
und  Emporkömmlinge  in  die  Nähe  des
Königs,  die  seine  wohlgemeinten  Pläne
bei  Seite  schoben,  und  nur  für  ihren
Vorteil  besorgt  waren.  Manches
Wohltätige,  was  Friedrich  II.  angeregt
  und  begonnen,  fiel  gänzlich  zu
Boden,  z.  B.  das  Bestreben  der  willkürlichen
  Belastung  des  Bauernstandes
durch  Aufstellung  geordneter  Notarien
und  genaue  Regelung  der  Dienstpflicht
  Schranken  zu  setzen.  Ganz  besonders
  glaubte  die  neue  Regierung
der  rationalistischen  Geistesrichtung
der  Zeit  entgegentreten  zu  müssen.
Freilich  war  diese  vielfach  in  flache
#  Frivolität  und  Trivialität  ausgeartet,

Friedrich  Wilhelm  II.,  König  von  Preußen.  v0500)  erwer  und  Wunstere  Gesser
stand  die  Reaktion,  die  sich  jetzt  dagegen  erhob,  nicht  in  einer  gesunden  Belebung  des  religiösen
Gefühls,  der  inneren  Gläubigkeit  und  der  strengern  Sitte,  sondern  in  einer  von  oben
gepflegten  mystisch-frömmelnden  Richtung,  zu  der  die  Unsittlichkeit  des  äußeren  Lebens  am
Hofe,  einen  keineswegs  wohltuenden  Gegensatz  bildete.  Der  König  hatte,  wie  so  oft  sinnliche
  und  schwache  Naturen,  von  selbst  eine  Neigung  zum  Pietismus  und  schwärmerischem
Wunderglauben  und  wurde  darin  von  seiner  schlau  berechnenden  Umgebung  bestärkt.
Unter  denen,  die  Friedrich  Wilhelm  dauernd  zu  leiten,  und  ihn  am  tiefsten  in  diese
krankhaft  religiöse  Richtung  hineinzutreiben  wußten,  standen  neben  der  Rietz  der  Major
von  Bischofswerder  und  der  Geheime  Finanzrat  von  Moellner  oben  an.

Die  geistige  und  kirchliche  Reaktion  hatte  nun  freien  Spielraum.  Möllner  erließ
sofort  nach  seiner  Ernennung  zum  Minister  der  Justiz  und  der  öffentlichen  Angelegenheiten
  am  9.  Juli  1788  das  Religionsedikt,  das  sich  in  allerschärfster  Weise  gegen  alle