318  Friedrich  d.  Gr.  und  seine  Zeit.

Neuerungen  auf  religiösem  Gebiet,  wie  gegen  die  Aufklärung  aussprach.  Den  Geistlichen,
  die  nur  im  Geringsten  von  den  kirchlich  festgesetzten  Lehren  abwichen,  wurde  mit
Absetzung  gedroht.  Die  Prediger  und  Lehrer  unterzog  man  einer  strengen  Kontrolle
über  ihre  Rechtgläubigkeit,  und  als  sich  nun  ein  Sturm  des  Unwillens  über  all  diese
Maßregeln  erhob,  da  legte  man,  um  alle  mißliebigen  Stimmen  zum  Schweigen  zu  bringen,
auch  an  die  Freiheit  der  Presse  die  Hand,  indem  man  das  Zensuredikt  vom  19.  Dezember
  1788  erließ,  das  allen  schriftlichen  Aeußerungen  über  Politik  und  Literatur  die
schwersten  Fesseln  auferlegte,  ohne  doch  eine  Menge  von  boshaften  und  manchmal  recht
schmutzigen  Pasquillen  hindern  zu  können.  Auch  in  der  auswärtigen  Politik  ging  man
nun  seine  eigenen,  ganz  von  Friedrichs  d.  Gr.  abweichenden  Wege.  Die  Trippelallianz
vom  Jahre  1788  verschaffte  Preußen  in  der  Tat  eine  zeitlang  eine  glänzende  Stellung
im  europäischen  Staatsleben.  Das  wichtigste  Ereignis  aber  waren  die  Eroberungspläne,
die  jetzt  gerade  Oesterreich  mit  Hilfe  von  Rußland  gegen  die  Türkei  in  Bewegung  settzte.
Diese  Allianz  hatte  schon  Friedrich  d.  Gr.  schwere  Sorgen  bereitet,  Josef  hatte  wohl
einmal  den  Gedanken  gehabt,  den  Thronwechsel  von  Preußen  dazu  zu  benutzen,  um  mit
diesen  ein  aufrichtiges  Freundschaftsbündnis  zu  schließen,  allein  die  politischen  Vertreter
dieser  beiden  Staaten,  Kaunitz  und  Hertzberg,  waren  zu  sehr  in  den  alten  Traditionen
befangen,  als  daß  sich  hier  eine  Einigung  hätte  erzielen  lassen.  Hieraus  entstand
dann  naturgemäß  eine  Verbindung  Preußens  mit  den  Gegnern  der  russisch-österreichischen
Allianz.  England,  Holland  und  Schweden  sollten  helfen,  das  Gleichgewicht  in  Europa
wiederherzustellen,  und  die  Türkei  und  Polen  gegen  die  beiden  Kaisermächte  zu  beschützen.
So  kam  ein  preußisch-englisch-türkisches  Bündnis  zustande,  und  als  die  österreichischen
Waffen  den  Türken  gegenüber  nicht  die  erhofften  Vorteile  errangen,  als  belgische  und
ungarische  Unruhen  Oesterreich  bedrängten,  da  hätte  Preußen  wohl  Gelegenheit  gehabt,
diese  Situation  zu  einem  namhaften  Vorteil  für  sich  auszubeuten.  Und  weder  der  König
noch  Hertzberg  verkannten  die  Bedentung  der  Verhältnisse,  allein  um  die  Konsequenzen
aus  denselben  zu  ziehen,  dazu  fehlte  Mut  und  Entschlossenheit.  Es  kam  am  20.  Januar
1790  wohl  ein  preußisch-türkisches  Bündnis  zustande,  und  ein  Zusammenstoß  zwischen
Preußen  und  Oesterreich  schien  unvermeidlich,  da  starb  Josef,  und  sein  Nachfolger  Leopold
hatte  nun  das  einzige  Bestreben,  die  Verhältnisse  auf  den  Stand  vor  dem  Krieg  zurückzuführen,
  was  ihm  dann  auch  mit  Hilfe  Englands  gelang.

Nun  glaubte  Friedrich  Wilhelm  seinerseits  seine  Friedensliebe  betätigen  zu  müssen,
und  so  kam  am  29.  Juli  1790  der  vielbesprochene  und  vielgetadelte  Vertrag  zu
Reichenbach  zustand;  allein  auch  jetzt  gestaltete  sich  das  Verhältnis  zu  Oesterreich  zu
einem  keineswegs  erfreulichen;  die  russischen  Eroberungsgelüste  im  Süden  hatten  nun
freien  Weg,  und  die  Türken  konnten  aus  ihrer  Verbindung  mit  Preußen  keinen  Vorteil
ziehen,  da  dieses  nun  selbst  schwer  geschädigt  in  seinem  Ansehen  war.  Diesem  ersten
Rückzug  von  der  großen  und  energischen  Poltitik  Friedrich  II.  sollten  bald  weitere  folgen,
die  Preußen  und  seine  Weltstellung  in  ihren  Grundfesten  erschütterten.  Wohl  hatte  die
preußische  Monarchie  durch  die  zweite  und  dritte  Teilung  Polens  sich  einen  bedeutenden
Zuwachs  erworben,  allein  dadurch  keineswegs  an  innerer  Kraft  gewonnen.  Ohne  irgendwelche
  Schwierigkeiten  vollzog  sich  nun  Leopolds  Wahl  zum  deutschen  Kaiser,  man  freute
sich  des  wiederhergestellten  Friedens,  ohne  daran  zu  denken,  daß  die  alten  Gegensätze
damit  nicht  aus  der  Welt  geschafft  waren.  Gerade  in  einer  der  entscheidendsten  Fragen
der  polnischen,  gingen  die  Interessen  doch  zu  weit  auseinander,  und  als  die  Polen  1791