352  Der  Untergang  des  alten  denischen  Keiches.

die  unter  Preußens  Vermittelung  binnen  drei  Monaten  den  Frieden  nachsuchten,  wurde
Neutralität  gewährt.  Oesterreich  blieb  zwar  im  Kriege,  allein  von  dem  Minister  Thugut,
einem  zweifelhaften  Mann,  geleitet,  erweckte  es  den  offenbar  nicht  unbegründeten  Verdacht
auf  Eroberungen  bald  in  Italien,  bald  im  Osten,  vor  allen  Dingen  auf  die  Erwerbung
  Bayerns  bedacht  zu  sein.  Erst  im  Sommer  begann  der  Krieg  von  neuem,  in
dem  zwei  Heere  der  Franzosen  unter  fürchterlichen  Verwüstungen  über  Düsseldorf  und
Mannheim  her  auf  das  rechte  Rheinufer  vordrangen.  Allein  es  gelang  dem  tüchtigen
General  Clairfait  sie  zurückzjuwerfen  und  in  dem  nun  eintretenden  Waffenstillstande  behaupteten
  die  Oesterreicher  die  alten  Stellungen.

Mit  dem  Jahre  1796  nahm  der  Krieg  eine  weit  größere  Dimension  an,  und  wählte
sich  nun  auch  Italien  zum  Schauplatz.  Von  beiden  Seiten  machte  man  die  gewaltigsten
Anstrengungen.  Neben  England,  Oesterreich  und  dem  Deutschen  Reich  hatten  sich  namentlich
  auch  die  italienischen  Fürsten  zur  Koalition  zusammengefunden,  während  sich  Spanien
eng  an  Frankreich  angeschlossen  hatte.  Frankreich  hatte  nach  dem  Sturze  des  Terrorismus
erst  einen  Kampf  gegen  die  royalisierende  Bewegung  der  Bourgeoisie  in  Paris  bestehen
müssen,  und  konnte  nun  erst  daran  denken  sich  zum  Feldzug  zu  rüsten.  Zwei  große
Armeen  sollten  vom  Ober=  und  Mittelrhein  in  das  Herz  von  Deutschland  eindringen,
zwei  andere  sollten  an  den  Alpen  und  in  Holland  aufgestellt  werden,  und  ein  fünftes
Heer  sollte  die  Operationen  in  Italien  beginnen.

An  der  Spitze  des  italienischen  Korps  stand  der  siebenundzwanzig  jährige  General
Napoleon  Bonaparte.  Er  gehörte  zu  den  seltenen  großartigen  Erscheinungen,  die  von
der  überwältigenden  Macht  einzelner  Persönlichkeiten  in  der  Geschichte  Zeugnis  geben.
Denn  schon  jetzt  ist  es  nicht  mehr  Frankreich,  sondern  Napoleon,  von  dem  die  Geschicke
der  Völker  bewegt  und  gelenkt  und  die  großen  Umgestaltungen  der  Weltverhältnisse  hervorgerufen
  werden.  Ja,  ein  Blick  auf  seine  spätere  Laufbahn  läßt  uns  glauben,  daß  er
mit  diesem  ersten  Schritt  auf  die  große  Bühne  der  Weltgeschichte  schon  das  letzte  Ziel
vor  sich  gesehen,  und  fest  im  Auge  behalten  habe,  zu  dem  er  von  Stufe  zu  Stufe  nicht
getragen  wurde,  sondern  festen  und  bewußten  Willens  emporstrebte.  Die  Größe  und
Bedeutung  aller  Heroen  der  Geschichte  beruht  auf  ihrem  Verständnis  für  die  Zeit  und
ihrer  Aufgabe;  denn  nur  wer  die  Zeit  begreift,  vermag  sie  zu  lenken  und  zu  beherrschen.
Das  Siegreiche  und  Bewältigende  des  Napoleonischen  Genius  beruhte  vornehmlich  auf
der  Schärfe  und  Sicherheit  seines  Blickes,  mit  dem  er  die  wilde  und  chagotische  Zerfahrenheit
  seiner  Zeit  bis  in  ihre  innersten  Tiefen  zu  durchdringen  und  in  diesen  Tiefen  die
Anfänge  einer  neuen  Zukunft  zu  erkennen  vermochte,  die  daraus  hervorgehen  sollte,  und
die  er  zu  schaffen  und  zu  gestalten  sich  berufen  fühlte.  Vor  seiner  Seele  mußte  schon
damals  das  Bild  dieser  Zukunft  stehen,  die  aus  dem  feindseligen  Gegeneinanderstreben
der  heftigsten  Leidenschaften,  das  Ringen  nach  einer  festen  und  mächtigen  Einigung  unter
einem  allen  gemeinsamen  Gesetz  oder  unter  einer  alles  beherrschenden  Gewalt  entstehen
sah.  Und  er  traute  sich  zu,  dieses  Gesetz  der  Welt  vorzuschreiben,  diese  Gewalt  sein  zu
können.  Nur  aus  dem  alleinigen  Besitze  dieses  Weltgeheimnisses  läßt  sich  die  dämonische
Macht  erklären,  die  er  auf  die  verschiedensten  Elemente  und  Kräfte  der  Zeit,  auf  Einzelne
wie  auf  Massen,  auf  Mächtige  wie  auf  Niedrige,  auf  Monarchien  wie  auf  Republiken
mit  gleich  zwingender  Gewalt  ausübte.  Denn  alle  wurden  sie  durch  ihn  unbewußt  dem
Ziele  zugetrieben,  nach  dem  jene  Zeit  unzweifelhaft  hinstrebte,  das  aber  er  allein  in
seiner  ganzen  Größe  erfaßt  zu  haben  schien.  Nur  aus  diesem  Bewußtsein  konnte  er  mit