Frankreich  im  Krieg  gegen  die  erste  Koalition.  353

dem  Beginn  seiner  großen  Laufbahn  jene  abgeschlossene  und  abwehrende  Festigkeit  seines
Wesens,  jene  zweifellose  Sicherheit  seines  Tuns  gewinnen,  mit  der  er  in  jedem  Moment
wußte  was  er  wollte  und  sollte.  Keinem  Zweifel,  keinem  zufälligen  Eindruck  und  keinem
fremden  Einfluß  zugänglich,  aber  auch  keiner  schwunghaften  Begeisterung  fähig,  die  ihn
in  seinem  kalt  berechnenden  Streben  beirren  konnte,  war  er  jeden  Augenblick  seiner
ungeteilten  Kraft  mächtig  und  voll  von  schöpferischen  Gedanken,  wußte  er  jeden
Vorgang  und  jede  Situation,  jeden  Fortschritt  und  jede  Wendung  der  Dinge  zur
Förderung  des  großen  Zieles  zu  benutzen,  das  er  verfolgte,  und  das  jederzeit  fertig  vor
seiner  Seele  stand.

Binnen  zwölf  Tagen  führte  Napoleon  seine  Armee  zu  sechs  Siegen;  erst  wurden
die  Oesterreicher  und  dann  die  Piemontesen  geschlagen.  Piemont  schloß  einen  Waffenstillstand,
  Parma  und  Modena  wirkten  sich  Neutralitätsverträge  aus;  am  14.  Mai  zog
Napoleon  in  Mailand  ein,  der  Papst  und  Neapel  erkauften  sich  den  Frieden  mit
30  Millionen  Francs.

Als  in  Italien  der  Krieg  schon  beinahe  beendigt  war,  hatte  derselbe  in  Deutschland
kaum  begonnen.  Am  Ober=  und  Niederrhein  stand  den  Heeren  Moreaus  und  Jourdans
nur  Erzherzog  Karl  gegenüber,  Jourdan  überschritt  bei  Neuwied  den  Rhein,  wurde  aber
am  15.  Juni  bei  Wetzlar  wieder  zurückgetrieben.  Aber  nun  überschritt  am  20.  Juni
Moreau  den  Rhein,  und  als  ihm  der  Erzherzog  entgegen  eilen  mußte,  benutzte  auch
Jourdan  die  Gelegenheit,  um  von  neuem  vorzudringen.  Traurig  war  das  Schauspiel,
das  sich  nun  bot;  Schwaben  und  Franken  erkauften  sich  ihre  Sicherheit  mit  20  Millionen
Francs,  Baden  und  Württemberg  schlossen  Waffenstillstand  und  bald  auch  Frieden  mit
den  Franzosen;  der  Kurfürst  von  Bayern  verließ  sein  Land,  und  der  hinterlassene  Adel
machte  ebenfalls  Frieden  mit  Frankreich.  Schon  schien  das  ganze  Reich  in  unaufhaltsamer
  Auflösung  begriffen,  als  Erzherzog  Karl  durch  einige  glückliche  Kämpfe  den
Franzosen  ihre  Vorteile  wieder  entreißen  und  dieselben  zum  Rückzug  über  den  Rhein
nötigen  konnte.  Allein  was  hatten  alle  diese  vorübergehenden  Vorteile  gegenüber
den  Siegen  Napoleons  in  Italien  zu  bedeuten.  In  und  um  Mantua  verteidigten  sich
die  Oesterreicher  unter  General  Wurmser  wohl  tapfer,  allei  Bonapartes  Sieg  bei  Arcola
gab  den  Franzosen  auch  diese  Festung  in  die  Hand,  und  nachdem  Napoleon  erst  noch  die
Auflösung  der  Republik  Venedig  vorbereitet  hatte,  rückte  er  in  Oesterreich  selbst  vor  und
stand  schon  im  März  1797  bei  Klagenfurt.  Die  energischen  Mahnungen  Oesterreichs  an
die  Fürsten  hatten  keinen  Erfolg;  ein  jeder  war  nur  auf  seine  eigene  Sicherheit  bedacht,
and  Oesterreich  mußte  sich  am  8.  April  1797  zum  Waffenstillstand  von  Leoben  und  am
17.  Oktober  zum  Frieden  von  Campo  Formio  entschließen.

„Wieder  einmal,  sagt  Treitschke,  „sollte  das  heilige  Reich  die  Buße  zahlen,  für
Oesterreichs  Niederlagen,  und  wieder  heuchlerischer,  denn  je  zuvor,  erklangen  am  Reichstag
jene  weihevollen  reichsväterlichen  Phrasen,  womit  die  undeutsche  Kaisermacht  ihre  Hauspolitik
  zu  bemänteln  pflegte.  Während  in  den  geheimen  Artikeln  von  Campo  Formio
die  Verstümmelung  der  deutschen  Westgrenze,  die  Säkularisation  geistlichen  Gebiets,  die
Entschädigung  ausländischer  Fürsten  auf  Kosten  des  Reichs  ausbedungen  war,  sprach  der
veröffentlichte  Wortlaut  des  Friedensschlusses  von  der  unangetasteten  Integrität  des  Reichs.
Ein  kaiserliches  Hofdekret  lud  die  Reichsstände  zu  einem  Kongresse  nach  Rastatt,  damit
dort,  „auf  der  Basis  der  Integrität  Deutschlands  Verfassung  und  Wohlfahrt  zur  bleibenden
  Wonne  der  friedliebenden  Menschheit  auf  Jahrhunderte  befestigt  werde.“  Auf

Ebner,  Illustrierlte  Geschichte  Denschlands.  24