354  Der  Untergaug  des  alten  deulschen  Reiches.

dem  Rastatter  Kongreß  traten  die  Gesandten  der  Republik  als  die  herrischen  Schiedsrichter
  der  deutschen  Händel  auf.  An  dreihundert  deutsche  Diplomaten  waren  versammelt,
viele  Gelehrte  darunter,  begierig,  die  große  Rätselsammlung  des  Reichsrechts  durch  einige
neue  Ungeheuerlichkeiten  zu  bereichern.  Man  warb  wetteifernd  durch  Schmeichelei  und
Bestechung  um  die  Gnade  der  hochmütigen  Freunde.  Französische  Sprache  und  Sitte
herrschten  vor;  allabendlich  rief  das  amtliche  Deutschland  den  französischen  Schauspielern
Beifall  zu,  wenn  sie  ihre  Witze  über  die  Deutschen  zum  besten  gaben.  Den  österreichischen
Staatsmännern  fiel  die  Aufgabe  zu,  die  Verabredungen  von  Campo  Formio  vor  den
Gesandten  der  Reichsstände  geheim  zu  halten.  Das  unwahre  Spiel  glückte  eine  Zeit  lang,
da  der  Kaiser  durch  drei  Gesandtschaften,  als  Kaiser,  als  Erzherzog  von  Oesterreich,  als
König  von  Ungarn  vertreten  war,  und  immerdar  einer  seiner  Gesandten  sich  gemächlich
hinter  den  beiden  andern  verstecken  konnte“.

Die  hauptsächlichsten  Bestimmungen  dieses  Friedens  waren  die  Abtretung  der
Lombardei  und  Belgiens  samt  dem  ganzen  linken  Rheinufer  an  die  französische  Republik,
Entschädigung  der  dadurch  beeinträchtigten  Fürsten  durch  Säkularisationen  in  Deutschland
und  Abtretung  des  größten  Teils  von  Venetien  mit  Istrien  und  Dalmatien  an  Oesterreich,
  das  außer  der  französischen  auch  die  batavische  Republik  anerkannte,  in  die  Umgestaltung
  der  Lombardei  in  die  cisalpinische  und  diejenige  Genuas  in  die  ligurische
Republik  willigte.

Um  nun  den  Frieden  auch  mit  dem  Deutschen  Reiche  herzustellen,  d.  h.  um  die
Abtretungen  auf  dem  linken  Rheinufer,  von  denen  viele  deutschen  Fürsten  betroffen
wurden,  zu  regeln  und  auszugleichen,  trat  im  Dezember  1797  ein  Kongreß  zu  Rastatt
zusammen,  auf  dem  sich  freilich  die  französischen  Gesandten  mit  frechstem  Uebermut  benahmen.
  Der  schon  heimlich  mit  Preußen  verabredete  Plan  der  Sekularisation  brachte
eine  Reihe  der  ärgerlichsten  Verhandlungen  mit  sich,  während  die  Franzosen  bereits  das

linke  Rheinufer  als  für  immer  zu  Frankreich  gehörig  der  neuen  Republik  einverleibten
und  in  Departements  teilten.

Frledrich  Wilhelm  III.  von  Dreußen  in  seinen  Hnfängen.

Als  Friedrich  Wilhelm  II.  am  16.  November  1797  starb,  war  Preußens  Mache
und  Ansehen  nach  innen  wie  nach  außen  bedeutend  gesunken.  Der  Friede  von  Basel
hatte  mit  Hilfe  Preußens  in  Europa  jene  Ländergier  wachgerufen,  die  nur  das  Recht
des  Stärkeren  anerkannte  und  in  Napoleon  ihren  gewaltigsten  Vertreter  fand.  Wie  der
Staat  an  einem  toten  mechanischen  Wesen,  so  krankte  die  Hauptstadt  an  moralischer
Fäulnis  schlimmster  Art.  So  mußten  sich  denn  bei  allen  Bessergesinnten  die  Blicke  hoffnungsvoll
  auf  die  Persönlichkeit  des  neuen  Herrschers  richten.

Eine  der  besten  Schilderungen  Friedrich  Wilhelms  III.  gibt  Treitschke:  „Ernst  und
pflichtgetreu,  fromm  und  rechtschaffen,  gerecht  und  wahrhaft,  in  Art  und  Unart  ein
deutscher  Mann,  besaß  er  alle  Tugenden,  die  den  guten  und  reinen  Menschen  bilden  und
schien  wie  geschaffen,  einen  wohlgeordneten  Mittelstaat  in  Ehren  durch  eine  ruhige  Zeit
hindurch  zu  führen.  Diesem  tiesen  Gemüte  war  es  ein  Bedürfnis,  von  seinen  Unter-