Friedrich  Wilhelm  III.  von  Preußen  in  seinen  Aufängen.  355

tanen  geliebt  zu  werden.  Sein  Geist  umspannte  nur  ein  enges  Gebiet;  doch  über
alle  Fragen,  die  in  seinen  Gesichtskreis  fielen,  urteilte  er  klar  und  richtig,  nach  tiefer
gründlicher  Erwägung,  und  bewährte  immer  ein  angeborenes  glückliches  Verständnis  für
die  Mächte  der  Wirklichkeit.  Seine  Erziehung  hatte  alles  versäumt,  was  diese  edle,
aber  sch  vunglose  und  im  Grunde  unpolitische  Natur  zu  der  Freiheit  königlicher  Weltanschauung
  emporheben  konnte.  Erst  wurde  die  unbefangene  Heiterkeit  des  Knaben  durch
die  gallige  Laune  eines  pedantischen  Lehrers  gewaltsam  niedergedrückt;  dann  mußte  der
sittenstrenge  Prinz  das  leichtfertige  Treiben  des  väterlichen  Hofes  mit  ansehen  und  den

Friedrich  Wilhelm  III.,  König  von  Preußen.

tiesen  Ekel,  den  sein  schamhafter  Sinn  empfand,  scheu  verbergen.  So  lernte  er  in  sich
einzukehren  und  die  Welt  zu  meiden.  Eine  unbezwingliche  Schüchternheit  lähmte  ihm
die  Tatkraft,  es  war  sein  Verhängnis,  daß  er  nie  vermochte,  leicht  zu  leben  und  mit
heiterem  Selbstgefühl  unter  seine  Menschen  zu  blicken.  Jedes  Hinaustreten  in  die  Oeffentlichkeit,
  selbst  das  Reden  in  größerem  Kreise  fiel  ihm  lästig,  in  barschen  abgerissenen
Sätzen  sprach  er  dann  sein  verständiges  Urteil,  seine  zarte  Empfindung  aus,  das  gedrückte
verlegene  Wesen  ließ  die  hohe  ritterliche  Gestalt  mit  den  schönen  treuen  blauen  Augen
nicht  zur  rechten  Geltung  kommen.  Von  Jugend  auf  an  den  Umgang  mit  mittelmäßigen
247