356  Ber  Untergang  des  allen  deutschen  Reiches.

Köpfen  gewöhnt,  hat  er  den  Widerwillen  gegen  das  Geniale,  Kühne,  Außerordentliche
selten  überwunden.  Ihn  erschreckte  jener  laute  rücksichtslose  Freimut,  der  den  großen
Germanen  eignet.  Von  allen  den  hochbegabten  Männern,  die  ihm  dienten,  ist  ihm  nur
einer  wahrhaft  lieb  und  teuer  geworden,  Scharnhorsts  einfältig  anspruchslose  Größe.

Dieser  König  konnte  nicht,  wie  der  erste  Friedrich  Wilhelm  und  sein  Sohn,  den
Stempel  seines  eigenen  Wesens  dem  Staate  aufprägen,  sondern  mußte  die  schöpferischen
Gedanken  von  anderen  reicheren  Geistern  entlehnen.  Und  doch  ist  er  der  Herr  geblieben;
der  monarchische  Charakter  des  preußischen  Staates  hat  sich,  im-Guten  und  Bösen,  auch
unter  seiner  Regierung  nie  verleugnet.  In  Not  und  Schande,  unter  Demütigungen,  die
einen  freieren  und  kühneren  Geist  zur  Verzweiflung  bringen  konnten,  hat  er  unentwegt
ausgehalten  bei  seiner  Pflicht.  So  ist  sein  Name  unzertrennlich  nerbunden  mit  den
dunkelsten  und  den  reinsten  Erinnerungen  unserer  neueren  Geschichte.  Seine  Pflichttreue
und  ein  natürliches  Gefühl  für  die  Ehre  des  Königtums  gaben  ihm  die  Kraft,  allmählich
hineinzuwachsen  in  das  Verständnis  seiner  Stellung.  Nach  und  nach  lernte  er  selbst
solche  Gebiete  des  nationalen  Lebens  schätzen,  die  seinem  nüchternen,  hausbackenen  Wesen
ursprünglich  fremd  waren.  Er  lernte  sich  zurechtfinden  in  der  auswärtigen  Politik,  und
dieser  prosaische  Mensch,  der  in  seinen  jungen  Jahren  an  der  weinerlichen  Plattheit
Lafontainescher  Romane  Gefallen  fand,  ist  schließlich  der  Mäcenas  seines  Hauses  geworden,
ein  Beschützer  der  Künste  und  Wissenschaften,  wie  kein  anderer  unter  den  Hohenzollern.
Wer  ihn  in  seiner  menschlichen  Liebensn  ürdigkeit  sehen  wollte,  der  mußte  ihn  aufsuchen
im  einsamen  Schlößchen  zu  Pyritz.  Dort  unter  den  alten  Bäumen  am  blauen  Havelsee
verlebte  der  junge  Fürst  seine  glücklichsten  Tage  an  der  Seite  seiner  lieblichen  Gemahlin
Luise,  in  dem  munteren  Kreise  der  schönen  kleinen  Flachsköpfe,  die  ihm  heranwuchsen,
dort  taute  er  auf  und  brachte  durch  die  drolligen  Einfälle  selbst  die  gestrenge  Wächterin
der  Etikette,  die  Gräfin  Voß,  zu  respektwidrigem  Lachen.  Wohl  war  es  ein  Segen  für
seine  schwere,  zum  Trübsinn  geneigte  Natur,  daß  er  in  den  Armen  eines  heitern  und
hochherzigen  Weibes  einmal  erwarmen  und  die  ganze  Lust  des  Lebens  empfinden  durfte;
dennoch  hat  das  Glück  der  Ehe  ihn,  wie  so  viele  germanische  Gemütsmenschen,  eine
Zeitlang  mehr  gedrückt  als  gehoben.  Er  fand  als  junger  Gatte  an  den  unschuldigen
Freuden  seines  Hauses  volles  Genügen  und  widmete  dem  Staate  nur  ehrlichen  Fleiß,
doch  nicht  jene  Hingebung  des  ganzen  Denkens,  die  das  Fürstenamt  fordert;  befangen
in  der  unbewußten  Selbstsucht  der  Glücklichen  trat  er  ungern  aus  der  reinen  Luft  seines
Heimwesens  hinaus  und  begnügte  sich,  die  Fäulnis,  welche  den  Staat  und  die  Gesellschaft
  zerfraß,  von  seiner  persönlichen  Umgebung  serne  zu  halten,  stau  sie  nach  Königspflicht
  unbarmherzig  zu  bekämpfen.“

Deutschland  bis  zum  Frieden  von  Lüneville  1801
und  Reichsdeputations-PHauptschluß  1803.

Bei  der  durch  den  Frieden  von  Campo  Formio  systematisierten  Bewerbung  der
geistlichen  Fürsten  sollte  Preußen  leer  ausgehen.  Man  hatte  in  den  geheimen  Artikeln
nur  von  der  Abtretung  des  linken  Rheinufers,  von  Basel  bis  Stette  gesprochen,  damit