358  Der  Antergang  des  allen  dentschen  Reiches.

Der  Rastatter  Kongreß,  auf  welchem  so  viel  verhandelt  und  so  wenig  ausgeführt
wurde,  ward  durch  den  Ausbruch  des  zweiten  Koalitionskrieges  auseinander  getrieben.
Der  österreichische  Minister  Thugut  hatte  sich  nur  mit  Widerwillen  in  die  Verträge  von
Campo  Formio  gefügt,  und  als  nun  Frankreich  auf  die  allgemeine  Säkularisation  in
Deutschland  hinarbeitete,  da  fühlte  man  in  Wien  gar  deutlich,  wie  sehr  die  Existenz  der
österreichischen  Macht  bedroht  sei.  Indessen  hatte  sich  Frankreich  mitten  im  Frieden
weitere  Gewalttaten  zu  schulden  kommen  lassen;  der  Kirchenstaat  war  zu  einer  römischen
Republik  umgewandelt  und  der  schweizerische  Einheitsstaat  aufgerichtet  worden.  Schon
im  Sommer  1798  hatten  Oesterreich,  England  und  Rußland  über  die  Bildung  einer
zweiten  Koalition  verhandelt  und  schritten  nun,  angesichts  solch  bedrohlicher  Tatsachen,
in  großem  Ernst  an  die  Ausführung  ihres  Werkes.  Man  durfte  um  so  sicherer  auf  einen
Erfolg  rechnen,  als  einer  der  genialsten  Feldherren  der  Republik,  Hoche,  jetzt  gerade
gestorben  und  Bonaparte  in  Aegypten  abwesend  war.

Preußen  mußte  in  seinem  Anschluß  an  die  Koalition  allerlei  Bedenkliches  erblicken,
da  die  verbündeten  Mächte,  eine  jede,  Ziele  verfolgten,  die  der  deutschen  Politik  vollständig
  fremd  waren.  Nußland  dachte  bei  dieser  Gelegenheit  die  orientalische  Frage  nach
seinem  Sinne  lösen  zu  können,  England  war  nur  darauf  bedacht,  einen  festen  Grund  für
seine  Handelspolitik  zu  finden,  und  der  Wiener  Hof  dachte  nur  an  große  Eroberungen  in
Italien  und  Wiederherstellung  der  alten  Kaisermacht.  Trotzdem  sprachen  bedeutende
Gründe  für  den  Anschluß  Preußens.  Die  Möglichkeit  einer  Wiedereroberung  der  Rheinlande
  war  durchaus  nicht  ausgeschlossen,  und  Preußen  war  in  diesem  Falle  tatsächlich  die
norddeutsche  Hegemonie  übergeben,  die  es  jetzt  nur  dem  Scheine  nach  besaß.  Allein
Friedrich  Wilhelm  und  seine  Räte  zauderten  noch  immer,  noch  glaubten  sie  die  Stunde
nicht  gekommen,  um  die  französische  Republik  niederwerfen  zu  können,  und  so  begann
denn  der  ungeheure  Kampf  vorerst  ohne  die  Hilfe  Preußens.  Die  Schlacht  von  Abukir
hatte  Bonapartes  orientalische  Pläne  vereitelt,  Suwarow  hatte  Italien  den  Franzosen
entrissen,  und  im  Frühling  des  Jahres  1799  war  der  Krieg  von  der  Donau  bis  zum  Po
in  vollem  Gange.  Jourdan  war  mit  der  Donauarmee  bei  Basel  und  Straßburg  über
den  Rhein  gegangen,  stieß  bei  Osterach  zwischen  Donau  und  Bodensee  mit  Erzherzog  Karl
gusammen  und  wurde  nach  Singen  und  Tuttlingen  zurückgeworfen.  In  einem  zweiten
Zusammenstoß  bei  Stockach  wurden  die  Feinde  zum  Rückzug  nach  dem  Oberrhein  gezwungen,
  allein  der  Erzherzog  fand  es  nicht  für  geraten,  die  Fliehenden  zu  verfolgen.
Auch  Bernadotte  zog  sich  nach  dem  Rhein  zurück,  Jourdan  eilte  nach  Paris  und  das
Direktorium  legte  nun  den  Oberbefehl  über  die  gesamte  Kriegsmacht  in  Massenas  Hände.
Die  Erfolge,  welche  die  Verbündeten  errangen,  hoben  denn  auch  wieder  das  nationale
Bewußtsein.  Den  ganzen  Sommer  hindurch  wurden  im  Spessart,  Odenwald  und
Schwarzwald  kleine  Scharmützel  geliefert,  und  zugleich  waren  in  Graubünden  und  im
Engadin  Franzosen  und  Oesterreicher  hart  aneinander  geraten.  Die  Oesterreicher  unter
General  Hitze  (Hotze),  die  Franzosen  unter  dem  Oberbefehl  von  Lecourbe  und  Desolles
wetteiferten  gegenseitig  in  Mut  und  Ausdauer.  Allein  den  Franzosen  gelang  es  doch,  in
wenigen  Wochen  eine  Reihe  von  glänzenden  Erfolgen  zu  erringen  und  nur  die  wichtige
Stellung  bei  Feldkirch  vermochten  sie  nicht  zu  überwältigen.

Während  indessen  die  Verbündeten  in  Italien  einen  Sieg  um  den  andern  errangen,
sollte  die  eigentliche  militärische  Entscheidung  auf  schweizerischem  Boden  fallen.  Die
Oesterreicher  unter  Erzherzog  Karl  sollten  im  Bund  mit  den  Russen,  welche  durch  den