360  Ber  Antergang  des  alten  deutschen  Reiches.

Bonaparte  hatte  indessen  Paris  verlassen  und  betrieb  nun  mit  rastlosem  Eifer  seine
Zurüstungen  zur  italienischen  Heerfahrt.  Mit  der  Hcuptarmee  von  40000  Mann  übernahm
  er  selbst  den  Uebergang  über  den  großen  St.  Bernhard,  kam  ganz  unerwartet  in
Oberitalien  an,  und  nach  Uebergabe  von  Genua  kam  es  am  14.  Juni  1800  zu  der
Entscheidungsschlacht  bei  Marengo,  die  nach  mannigfachem  Hin=  und  Herschwanken
mit  einem  Siege  Napoleons  endigte.  Beinahe  die  ganze  österreichische  Artillerie  war  in
die  Hände  der  Franzosen  gefallen,  eilends  wurde  der  Waffenstillstand  von  Alessandria
geschlossen,  und  von  beiden  Seiten  benutzte  man  denselben,  um  so  rasch  wie  möglich
neue  Kräfte  zu  sammeln.  Allein  den  Oesterreichern  sehlte  eine  einheitliche  und  umsichtige
Führung,  und  als  der  Sieg  bei  Hohenlinden  nun  auch  noch  den  Franzosen  den  Weg
nach  Wien  eröffnete,  da  wurde  das  Bedürfnis  nach  Frieden  immer  dringender  und  am
Abend  des  9.  Februar  1801  erfolgte  denn  auch  die  Unterzeichnug  des  Friedens  von
Lüneville.  Man  erneuerte  in  demselben  die  durch  den  Frieden  von  Campo  Formio
festgestellten  Bedingungen,  Belgiens  Abtretung  an  Frankreich,  diejenige  Venetiens,  Istriens
und  Dalmatiens  an  Oesterreich  wurde  dadurch  bestätigt,  und  die  Grenze  zwischen  Deutschland
  und  Frankreich  bildete  nunmehr  der  Talweg  des  Rheins  von  seinem  Austritt  aus
der  Schweiz  bis  zu  seinem  Eintritt  in  Holland.

„Mit  dem  Lüneviller  Frieden,  dem  der  Reichstag  in  Regensburg  ungeachtet  des
eigenmächtigen  Verfahrens  von  seiten  des  Kaisers  in  ungewöhnlicher  Eile  die  Sanktion
erteilte,  wurde  dem  römischen  Reiche  deutscher  Nation  nach  einem  tausendjährigen  Bestand
die  Axt  an  die  Wurzel  gelegt.  Wenn  man  die  als  „burgundischer  Kreis“  wenigstens
dem  Namen  nach  noch  zum  Reich  gehörenden  österreichischen  Niederlande  mitrechnet,  so
verlor  Deutschland  1150  Quadratmeilen  Gebiet  und  nahezu  vierthalb  Millionen  Bewohner,
ein  Verlust  in  dem  Gesamtkörper  der  Nation,  der  zugleich  ihre  politische  Unabhängigkeit
  bedrohte.  Noch  ehe  das  langwierige  Geschäft  der  Ausgleichungen  und  Entschädigungen
auf  dem  Reichstag  in  Regensburg  in  Angriff  genommen  wurde,  verkündete  eine
Proklamation  der  Konsular-Regierung  dem  rheinländischen  Volle,  daß  es  fortan  unter
Frankreichs  Schutz,  Verwaltung  und  Rechtspflege  gestellt  sei  und  aller  Errungenschaften
der  Revolution,  deren  sich  die  französische  Nation  zu  erfreuen  habe,  teilhaftig  sein  werde.
Die  Masse  der  Bevölkerung  trug  den  tiefen  Schnitt  in  den  nationalen  Körper  nicht
schwer.  Der  partikulacisftische  Sondergeist  und  der  feudal-hierarchische  Despotismus  hatten
das  Nationalgefühl  erstickt  und  abgestumpft.  Zudem  waren  in  den  wechselvollen  Jahren
seit  1792  die  französischen  Staats=  und  Rechtssormen  in  den  cisrhenanischen  Gebietsteilen
  der  Republik  tatsächlich  eingeführt  worden,  die  Bevölkerung  hatte  sich  bereits  in
die  neue  Ordnung  eingelebt,  sie  fügte  sich  schnell  und  leichten  Herzens  in  die  Zustände,
welche  in  politischen  und  sozialen  Dingen  den  Grund  zu  einem  menschenwürdigen  Dasein,
zur  staatsbürgerlichen  Rechtsgleichheit,  zu  einem  aufgeklärteren,  freien  Kulturleben  legten,
und  begrüßte  mit  mehr  Freude  als  Schmerz  ein  Regiment,  das  die  Wohltaten  einer
festeren  Ordnung  und  den  Schutz  einer  starken  Militärmacht  brachte.“

Das  Jahr  1801  verging  beinahe,  bis  man  sich  endlich  entschloß,  auf  Preußens
Veranlassung  eine  Reichsdeputation  zu  bilden,  welche  die  Beschlüsse  des  Rastatter  Kongresses
  endgiltig  ausführen  sollte.  Alles  das  mußte  im  Einverständnis  mit  der  französischen
Regierung  geschehen,  und  namentlich  Preußen  stand  in  dem  Rufe,  als  stünde  es
ganz  besonders  gut  mit  Frankreich.  Die  Briefe  Napoleons  an  den  König  waren  freilich
auch  überfüllt  mit  Freundschaftsbeteuerungen,  allein  damit  sollte  der  Arglose  nur  getäuscht