362  Der  Untergang  des  alten  deutschen  Reiches.

Wilhelm  suchte  namentlich  bei  Rußland  Anschluß  und  seine  Zusammenkunft  mit  dem
jungen  Zaren  Alexander  in  Memel  sollte  das  angeknüpfte  Bündnis  befestigen.  Da  man
indessen  bald  zu  der  Ueberzeugung  kam,  daß  das  rechtsrheinische  Gebiet  keineswegs  ausreichte,
  um  alle  fürstlichen  Wünsche  und  Gelüste  zu  befriedigen,  so  kam  am  25.  Februar  1803
der  „Reichsdeputations  =  Hauptschluß“  zustande;  „am  27.  April  wurde  durch
den  jüngsten  Reichsschluß  die  Vernichtung  von  112  deutschen  Staaten  ausgesprochen.
Von  den  geistlichen  Ständen  blieben  nur  drei  übrig,  die  beiden  Ritterorden,  —  weil
man  dem  so  schwer  geschädigten  Adel  noch  einen  letzten  Unterschlupf  für  seine  Söhne
gönnen  wollte  —  und  der  Reichskanzler  in  Germanien,  weil  Bonaparte  in  der  sahrigen
Eitelkeit  des  Mainzer  Coadjutors  Dalberg  ein  brauchbares  Werkzeug  für  Frankreichs
Pläne  erkannte.  Die  Reichsstädte  verschwanden  bis  auf  die  sechs  größten.  Mehr  als
zweitausend  Quadratmeilen  mit  über  drei  Millionen  Einwohnern  wurden  unter  die  weltlichen
  Fürsten  ausgeteilt.  Preußen  erhielt  fünffachen  Ersatz  für  seine  linksrheinischen
Verluste,  Bayern  gewann  an  300000  Köpfe,  Darmstadt  ward  achtfach,  Baden  sast  zehnfach
entschädigt.  Auch  einige  fremdländische  Fürstenhäuser  nahmen  ihr  Teil  aus  dem  großen
Raube,  so  Toscana  und  Modena,  die  Vettern  Oesterreichs,  so  Nassau-Oranien,  der
Schützling  Preußens.  Vergessen  war  der  fredericianische  Grundsatz,  daß  Deutschland
sich  selbst  angehöre.  Die  Mitte  Enropas  erschien  den  Fremden  wieder,  wie  im  siebzehnten
  Jahrhundert,  als  eine  herrenlose  Masse,  eine  Versorgungsstelle  für  die  Prinzen
aus  allerlei  Volk.  Das  heilige  Reich  war  vernichtet,  nur  sein  geschändeter  Name  lebte
noch  fort  durch  drei  klägliche  Jahre.

Wenige  unter  den  großen  Staatsumwälzungen  der  neuen  Geschichte  erscheinen  so
häßlich,  so  gemein  und  niedrig,  wie  diese  Fürstenrevolution  von  1803.  Die  harte,
ideallose  Selbstsucht  triumphierte;  kein  Schimmer  eines  kühnen  Gedankens,  kein  Funten
einer  edlen  Leidenschaft  verklärte  den  ungeheuren  Rechtsbruch.  Und  doch  war  der  Umsturz
  eine  große  Notwendigkeit,  er  begrub  nur  das,  was  tot  war,  er  zerstörte  nur,  was
die  Geschichte  dreier  Jahrhunderte  gerichtet  hatte.  Die  alten  Staatsformen  verschwanden
augenblicklich,  wie  von  der  Erde  eingeschluckt,  und  niemals  ist  an  ihre  Wiederaufrichtung
ernstlich  gedacht  worden.  Die  fratzenhafte  Lüge  der  Theokratie  ward  endlich  beseitigt.
Mit  den  geistlichen  Fürsten  stürzten  auch  das  heilige  Reich  und  die  Weltherrschafts-Ansprüche
  des  römischen  Kaisertums  zusammen.  Selbst  der  alte  Bundesgenosse  der  habsburgischen
  Kaiser,  der  römische  Stuhl,  wollte  jetzt  nur  noch  von  einem  imperinm  Germanieum
  wissen;  das  feine  Machtgesühl  der  Italiener  erkannte,  daß  die  Schirmherrschaft
über  die  römische  Kirche  nunmehr  auf  Frankreich  übergegangen  war,  und  der  Papst
schrieb  seinem  geliebtesten  Sohn  Bonaparte,  an  ihn  wolle  er  fortan  sich  wenden,  so  oft
er  Hilfe  brauche.  Das  heilige  Reich  verwandelte  sich  in  einen  Fürstenbund,  und  nicht
mit  Unrecht,  sprach  Talleyrand  jetzt  schon  amtlich  von  der  fédération  Germanique.  Dies  lockere
Nebeneinander  weltlicher  Fürstentümer  wurde  vorderhand  fast  allein  durch  den  Namen
Teutschland  zusammengehalten,  und  in  der  nächsten  Zukunft  ließ  sich  eher  die  Auflösung  des
deutschen  Gemeinwesens  als  jene  föderative  Neugestaltung  erwarten.  Aber  mit  den  theokratischen
  Formen  war  auch  jener  Geist  der  starren  Unbeweglichkeit  entschwunden,  der  bisher
  die  politischen  Kräfte  der  Nation  gebunden  hielt.  Das  neue  weltliche  Deutschland  war  der
Bewegung,  der  Entwicklung  fähig;  und  gelang  dereinst  die  Befreiung  von  der  Vormundschaft
des  Auslands,  so  konnte  sich  auf  dem  Boden  des  weltlichen  Territorialismus  vielleicht
ein  nationaler  Gesamtstaat  bilden,  der  minder  verlogen  war,  als  das  heilige  Reich.“