Der  dritte  Koalitionskrieg.  363

Der  größte  Teil  der  Nation  hatte  alle  diese  Vorgänge  gleichgiltig  ausgenommen.
Ohne  Verständnis  für  die  Schmach,  die  dem  deutschen  Volk  durch  alle  diese  Vorgänge  geworden,
  hatte  Deutschland  nur  einen  Mann,  der  dieselbe  damals  schmerzlich  genug  empfand,
den  Freiherrn  Karl  von  Stein.  Allein  was  nützte  sein  Zorn,  seine  Begeisterung,
wenn  er  einsam  und  verlassen  stand  mit  seinem  Glauben  an  Deutschlands  Zukunft,  wenn
kein  Dichter  neben  ihm  stand,  der  mit  kräftigen  Versen  dieselbe  verkündigt  hätte!

Wohl  hatte  Deutschland  schon  damals  Dichter  und  Denker  von  einer  Bedeutung,
wie  sie  seitdem  niemals  wieder  erreicht  worden  ist;  ein  Herder  war  aufgetreten  und  ein
Klopstock,  in  Weimar  hatte  Göthe  seine  Heimat  gefunden  und  aus  Schwaben  war  Schiller
dorthin  gekommen,  um  auch  hier  Verständnis  für  seine  Ideale  zu  finden.  Aber  bei
keinem  dieser  Männer  finden  wir  ein  Verständnis  für  die  Lage  Deutschlands;  einseitig
nur  den  Interessen  ihrer  eigenen  Person  oder  des  kleinen  Fürstentums,  in  dem  sie  lebten,
angehörend,  verstanden  sie  es  nicht,  ihrer  Dichtung  jenen  nationalen  Gehalt  zu  geben,
welcher  am  deutlichsten  die  Zeitströmung  wiedergibt.  Da  und  dort  fanden  sich  freilich  bei
einer  jüngeren  Generation  schon  Spuren,  die  auf  ein  neu  erwachendes  geistiges  Leben,
auf  die  Durchdringung  des  echt  nationalen  Geistes  im  ganzen  Leben  unseres  Volkes  hinweisen,
  allein  noch  bedurfte  es  erst  großer  äußerer  Ereignisse,  um  dieses  Leben  zu  wecken
und  zu  heben.  Die  „Romantik“,  ihrem  Ursprung  und  ganzen  Wesen  nach  recht  deutsch,
hatte  mit  ihrem  Zurückgehen  in  die  deutsche  Vergangenheit  den  Weg  gezeigt,  auf  dem
unser  Volk,  vorerst  einmal  wenigstens  in  seiner  Literatur,  wieder  zum  Bewußtsein  seiner
Größe  gelangen  sollte,  ein  Tieck,  ein  Arnim  und  Brentano,  die  Brüder  Grimm,  sie  alle
schritten  mutig  auf  dieser  Bahn  vorwärts,  und  aus  dem  Munde  eines  unserer  größten
dramatischen  Dichter  tönte  es  mahnend  und  warnend  zugleich:  Ans  Vaterland,  ans  teure
schließ  dich  an,  hier  sind  die  starken  Wurzeln  deiner  Kraft.

Der  dritte  Koalitionskrieg  1805.

Napoleon  war  am  25.  April  1804  zum  Kaiser  der  Franzosen  gewählt  worden.
.„Wie  die  italienischen  Erfahrungen  den  gewaltigen  Mann  auf  der  Bahn  des  Ehrgeizes,
der  Selbstüberhebung,  der  Herrschsucht  immer  weiter  vorantrieben,  so  waren  auch  die
Eindrücke,  die  er  aus  der  Begegnung  mit  den  deutschen  Fürsten  und  Völkern  schöpfte,
derart,  daß  sie  die  Vorstellung  in  seiner  Seele  erzeugen  mußten,  er  könne  alles  wagen
und  alles  erreichen,  was  seine  grenzenlose  Herrschsucht,  sein  leidenschaftlicher  Drang  nach
Macht  und  gebieterischem  Einfluß  seiner  Phantasie  vorspiegelte.  Zu  einem  ähnlichen
Triumphzug,  wie  durch  die  flandrischen  und  brabanter  Städte,  gestaltete  sich  die  Kaiserreise,
  die  der  Imperator  im  Jahre  1804  nach  den  Rheinlanden  unternahm,  um  sich  auf
altfränkischer  Erde,  an  der  Wiege  deutscher  Macht  und  Herrlichkeit  in  seiner  neuen  Würde
und  Macht  zu  zeigen.  Die  Huldigungen  und  Schmeicheleien,  die  ihm  in  den  rheinischen
Städten  Aachen,  Köln,  Mainz  u.  a.  von  Fürsten,  von  adeligen  Herren  und  Staatsmännern,
  von  den  Häuptern  des  Volks,  von  der  ganzen  lebhaften  beweglichen  Bevölkerung
der  ehemaligen  Reichslande  entgegengebracht  wurden,  mußten  den  Glauben  in  ihm  er-