366  Der  Unkergang  des  alten  deutschen  Reicheo.

Mit  wunderbarer  Präzision  waren  alle  Anordnungen  getroffen,  alle  Eventualitäten  ins
Auge  gefaßt,  alle  militärischen  Operationen  auf  dem  großen  Kriegsschauplatz  in  einen
organischen  Zusammenhang  gebracht.  Die  meisten  süddeutschen  Fürsten  hatten,  wie
erwähnt,  sich  durch  Sonderverträge  insgeheim  verpflichtet,  dem  französischen  Heere
Beistand  zu  leisten,  oder  wenigstens  keine  Hindernisse  in  den  Weg  zu  legen;  wenn  auch
einige  wie  Kurfürst  Friedrich  von  Württemberg  sich  den  Schein  gaben,  als  würden  sie
durch  die  feindliche  Uebermacht  zum  Anschluß  gedrängt.

Es  fehlte  nicht  an  wohldienerischen  Federn,  welche  in  geschichtlichen  Darstellungen
den  Nachweis  zu  führen  suchten,  daß  angesichts  der  feindseligen  Absichten  Oesterreichs  gegen
die  süddeutschen  Reichsglieder  die  bedrohten  Regierungen  um  ihrer  eigenen  Sicherheit
und  Selbstverteidigung  willen  zum  Bunde  mit  Frankreich  genötigt  seien.  Und  welches
Interesse  konnten  die  Reichsstände  in  Regensburg  haben,  für  Oesterreich  einzutreten,
das  sie  in  Lüneville  im  Stich  gelassen,  während  der  französische  Kaiser  bei  jeder  Gelegenheit
  hervorhob,  daß  er  die  Reichsverfassung  beschützen  wolle.  Aus  allem  konnte  man
erkennen,  daß  der  deutsche  Reichskörper  im  letzten  Todeskampfe  lag.  Als  Napoleon
in  Schwaben  einrückte,  verstärkten  die  Kurfürsten  von  Baden,  Württemberg,  Bayern  mit
ihren  Truppen  die  Heere  des  fremden  Machthabers,  von  dessen  Gunst  sie  ebenso  viel  zu
hoffen,  als  von  seinem  Zorn  zu  fürchten  hatten.  Aehnlich  taten  die  Hergöge  von  Hessen,
von  Nassau  und  andere  Reichsstände.

Schon  im  Oktober  hatten  die  Franzosen  die  beiden  Donauufer  besetzt;  bei  Mertingen,
Günzburg  und  Albach  wurden  die  Oesterreicher  geschlagen,  Augsburg  und  München
besetzt  und  Obergeneral  Mack,  der  noch  immer  in  unglaublicher  Verblendung  in  der
Festung  Ulm  blieb,  von  allen  Seiten  eingeschlossen.  In  seiner  Ratlosigkeit  wußte  der
Feldherr  nichts  anderes  zu  tun,  als  mit  den  Franzosen  Unterhandlungen  anzuknüpfen,
die  am  20.  Oktober  die  Kapitulation  von  Ulm  zur  Folge  hatte.  Dadurch  gerieten  24  000
Oesterreicher  mit  18  Generälen  in  Gefangenschaft  und  mit  dieser  schmachvollen  Kapitulation
war  die  österreichische  Heeresmacht  ins  Herz  getroffen  worden.  Der  Weg  nach  Oesterreich
lag  nun  wieder  einmal  den  Franzosen  offen;  die  russischen  Truppen,  die  gerade  jetzt
den  Inn  erreichten,  waren  zu  erschöpft,  als  daß  sie  hätten  Wien  decken  können.  Ganz
Europa  war  in  Schrecken,  und  niemand  konnte  eine  Hilfe  finden.

Allein  so  günstig  auch  dieser  Sieg  für  Napoleon  war,  gleich  im  Beginn  des  Feldzugs
  hatte  er  einen  Mißgriff  gemacht,  der  sich  nun  empfindlich  rächen  sollte.  Um
Bernadottes  Truppen  rechtzeitig  nach  Ulm  bringen  zu  können,  hatte  er  seine  Truppen
durch  das  neutrale  preußische  Gebiet  in  Franken  rücken  lassen.  „Preußen  ist,  was  es
auch  sagen  mag,  in  die  Reihe  der  Mächte  zweiten  Ranges  herabgesunken“;  hatte  er  schon
früher  geschrieben,  und  getreu  dieser  Anschauung,  glaubte  er  diesem  Staate  alles  bieten
zu  dürfen.  Allein  auf  diese  offenbare  Gewalttat  hin  flammte  in  Friedrich  Wilhelm  der
Zorn  auf.  In  einer  mutigen  Erklärung  verwahrte  er  sich  ausdrücklich  gegen  diese  Rechtsverletzung,
  sagte  sich  von  allen  Verbindlichkeiten  gegen  Napoleon  los,  gestattete  den
Russen  den  Durchzug  durch  Schlesien  und  befahl  die  Mobilmachung  seiner  gesamten
Armee.  Wenn  auch  Hardenberg  nun  die  Notwendigkeit  einer  entschlossenen  Abwehr
erkannte,  so  glaubte  er  doch  immer  noch  an  einen  friedlichen  Ausgang  und  riet  nur  zu
einer  bewaffneten  Vermittlung,  die  im  Potsdamer  Vertrag  am  3.  November  ihren
Ausdruck  finden  sollte.  Preußen  verpflichtete  sich  in  demselben,  Napoleon  zur  Anerkennung
des  Besitzstandes  von  Lüneville  zu  veranlassen.  Lehnte  er  ab,  so  trat  Preußen  der