Der  Rheinbund.  371

Bund,  nach  seiner  Weise  zu  verwirklichen.  Er  mußte  sich  bald  überzeugen,  wie  schwer  es
hielt,  in  Deutschland  alle  Köpfe  unter  einen  Hut  zu  bringen,  und  entschloß  sich  deshalb,
den  Fürsten  seine  neueste  Maßregel  einfach  aufzuzwingen.  Er  wußte,  daß  er  den  Höfen
der  Mittelstaaten  alles  zumuten  dürfte,  wenn  er  ihnen  einen  kleinen  Beutezug  gegen  ihre
kleinen  Mitstände  gestattete.  An  Unterwürfigkeit  hatten  es  die  kleinen  Herren  des
Südens  freilich  nicht  fehlen  lassen.  Die  Mehrzahl  war  zu  einer  Frankfurter  Union  zusammengetreten
  und  hielt  sich  in  Paris  einen  gemeinschaftlichen  Gesandten.  Fort  und
sort  wurde  der  Gewaltige  von  den  geängstigten  Kleinfürsten  mit  Bitten  und  Anliegenheiten
  behelligt;  wenn  er  bei  guter  Stimmung  war,  so  ließ  er  sich  auch  wohl  durch
seinen  Tayllerand  berichten  und  gab  eine  gnädige  Antwort.  Doch  mit  waffenlosen
Vasallen  wußte  der  Eroberer  nichts  anzufangen,  auch  beargwöhnte  er  die  Freundschaft,
welche  einige  dieser  kleinen  Herren  mit  Preußen,  die  meisten  mit  Oesterreich  verband.
Sein  Entschluß  war  gefaßt:  „es  liegt  in  der  Natur  der  gegenwärtigen  Verhältnisse,  daß
die  Wiener  Fürsten  vernichtet  werden.“  Schon  erhob  sich  über  den  Trümmern  der  alten
Staatengesellschaft  das  neue  Föderatiosystem,  die  „Sonnen-Nation“  Frankreich,  umgeben
von  Trabantenstaaten.  Zwei  Brüder  des  Kaisers  bestiegen  die  Throne  von  Holland  und
Neapel,  das  übrige  Italien  und  die  Schweiz  hielt  er  unter  seiner  Botmäßigkeit.  Für
den  deutschen  Bund,  der  die  Reihe  dieser  Trabantenvölker  zu  verstärken  bestimmt  war,
rechnete  er  zunächst  auf  die  vier  deutschen  Mittelstaaten  und  auf  das  neue  niederrheinische
Großherzogtum  Joachim  Murats,  von  den  kleineren  dachte  er  nur  wenige  zu  verschonen,
die  sich  durch  Untertänigkeit  oder  hohe  Verwandtschaft  empfahlen.

So  wurde  am  12.  Juli  1806  der  Rheinbund  geschlossen.  Mit  keinem  der
deutschen  Staaten  hatte  man  zuvor  Unterhandlungen  darüber  gehabt;  sechzehn  deutsche
Fürsten  sagten  sich  vom  Reiche  los,  erklärten  sich  selbst  für  souverän  und  erkannten
Napoleon  als  ihren  Vertreter  an,  wogegen  sie  sich  zur  Stellung  einer  Armee  von
63  000  Mann  verpflichteten.  Kaiser  Franz  entsagte  der  deutschen  Kaiserwürde;  Regensburg,
  wo  der  deutsche  Reichstag  bis  jetzt  seinen  Sitz  gehabt,  wurde  Bayern  einverleibt,
und  damit  löste  sich  „das  heilige  Reich  deutscher  Nation“  auf.

„Durch  einen  Staatsstreich  des  letzten  Habsburgerkaisers  ging  also  jene  Krone  zu
Grunde,  die  seit  tausend  Jahren  mit  den  stolzesten  und  den  schmachvollsten  Erinnerungen
des  deutschen  Volkes  verwachsen  war;  der  Heldenruhm  der  Ottonen  haftete  an  ihr;  aber
auch  der  Fluch  des  dreißigjährigen  Krieges  und  die  lächerliche  Schande  von  Roßbach.
Den  ganzen  Umkreis  irdischer  Schicksale  hatte  sie  durchmessen,  aus  einer  Zierde  Deutschlands
  war  sie  zu  einem  niedrigen  Zerrbild  geworden,  und  als  sie  endlich  zusammenbrach,
da  schien  es,  als  ob  ein  Gespenst  versänke.  Die  Nation  blieb  stumm  und  kalt;z  erst  als
sie  die  Schläge  der  kaiserlichen  Zeit  von  Grund  aus  gekostet  hatte,  ist  der  Traum  von
Kaiser  und  Reich  wieder  lebendig  geworden  in  deutschen  Herzen.“

Nicht  überall  freilich  hatte  man  Lust,  sich  dem  Gewaltigen  auf  Gnade  und  Ungnade
  zu  ergeben;  Stimmen  wurden  laut,  die  zur  offenen  Empörung  gegen  den  Korsen
aufmunterten.  E.  M.  Arndt  gab  in  seinem  „Geist  der  Zeit“  diesen  Gesühlen  Ausdruck;
eine  anonym  erschienene  Schrift:  „Deutschland  in  seiner  tiefsten  Erniedrigung“  brachte
dem  Buchhändler  Palm  den  Tod  ein;  man  träumte  in  den  Kreisen  Schleiermachers
von  einem  norddeutschen  Bund,  und  König  Friedrich  Wilhelm  unternahm  es,  die  letzten
Deutschen  unter  Preußens  Fahnen  zu  versammeln.  Und  als  nun  die  sichere  Kunde  nach
Berlin  kam,  Napoleon  habe  England  bei  der  Anknüpfung  von  Friedensverhandlungen

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