372  Das  Zeitalter  der  Befreiungskriegt.

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Hannover  in  Aussicht  gestellt,  da  glaubte  man  die  Zeit  gekommen,  um  den  Feldzug  zu
beginnen.  Am  9.  August  wurde  die  Mobilmachung  der  preußischen  Armee  befohlen.

„Wohl  war  es,  sagt  Treitschke,  ein  heiliger  Krieg,  erst  durch  ihn  und  sein  schreckliches
  Mißlingen  wurde  die  alte  Ordnung  des  deutschen  Lebens  völlig  vernichtet.  Was
dort  in  Regensburg  zusammenstürzte,  war  ein  leerer  Schatten;  was  aber  auf  den  Schlachtseldern
  Thüringens  und  Ostpreußens  zertrümmert  wurde,  das  war  der  lebendige  deutsche
Staat,  der  einzige,  der  dem  politischen  Dasein  dieses  Volkes  einen  Inhalt  und  ein  Ziel
gegeben  hatte.  Ihn  traf  das  Verderben,  als  er  nach  langer  Verirrung  sich  wieder  auf
sich  selbst  besann,  den  Kampf  aufnahm  wider  die  Zwingherrschaft  der  Fremden  und  die
Felonie  der  heimischen  Fürsten.  Nichts  konnte  ehrlicher  sein,  als  der  schonungslos  aufrichtige
  Absagebrief  des  Königs  an  Napoleon,  nichts  berechtigter  als  die  drei  Forderungen
des  preußischen  Ultimatums  vom  1.  Oktober:  Abzug  der  Franzosen  aus  Deutschland,
Anerkennung  des  norddeutschen  Bundes,  friedliche  Verständigung  über  die  andern  zwischen
den  beiden  Mächten  noch  schwebenden  Streitfragen.  Selbst  aus  dem  weitläufigen  eingeschickten
  Kriegsmanifeste  brach  doch  zuweilen  ein  Ton  würdigen  nationalen  Stolzes
hervor,  der  König  ergreift  die  Waffen,  um  das  unglückliche  Deutschland  von  dem  Joche,
worunter  es  erliegt,  zu  befreien,  vor  allen  Traktaten  haben  die  Nationen  ihre  Rechte.

„Im  Volke  wie  im  Heere  regte  sich  noch  kaum  eine  Ahnung  von  dem  großen
Sinn  des  Königs.  Wie  ein  Prediger  in  der  Wüste  stand  Schleiermacher  auf  der  Kanzel
der  Ulrichskirche  zu  Halle  und  deutete  den  Verblendeten  die  Zeichen  der  Zeit:  „unser
aller  Leben  ist  eingewurzelt  in  deutscher  Freiheit  und  deutscher  Gesinnung,  und  diese  gilt
es.“  Auch  Fichte  blieb  noch  einsam,  von  wenigen  verstanden.  Sobald  der  Ernst  des
Kampfes  an  Preußen  herantrat,  erwachte  in  dem  tapferen  Manne  die  lebendige  Staatsgesinnung;
  alle  seine  weltbürgerlichen  Träume  warf  er  entschlossen  hinter  sich  und  mit
flammenden  Worten  pries  er  den  Beruf  des  vaterländischen  Kriegers:  „was  ist  der
Charakter  des  Kriegers?  opfern  muß  er  sich  können.  In  ihm  kann  die  wahre  Gesinnung,
die  echte  Ehrliebe  garnicht  ausgehen,  die  Erhebung  zu  etwas,  was  über  das  Leben  und
seine  Genüsse  hinausliegt!“  In  den  selbst  genügsamen  Kreisen  des  Offizierkorps  hatte
man  kaum  ein  geringschätziges  Lächeln  übrig  für  die  begeisterten  Reden  des  sonderbaren
Schwärmers,  hier  herrschte  noch  der  steife  Dünkel  der  friedericianischen  Zeit  und  daneben
eine  freche  Tadelsucht,  die  an  jedem  Befehle  der  Vorgesetzten  ihre  Witze  übte.  Niemand
übersah  noch  vollständig,  wie  sehr  die  Armee  durch  den  tiefen  Schlummer  des  jüngsten
Jahrzehnts  gelitten  hatte.  Am  richtigsten  vielleicht  urteilte  der  König  selbst;  die  Unordnung,
  das  Besserwissen,  die  Schwerfälligkeit  in  allem  und  jedem  entgingen  seinem  klaren
Blicke  nicht,  doch  wie  hätte  der  Schüchterne  gegen  den  weltberühmten  alten  Braunschweiger
  sein  Ansehen  brauchen  sollen?  Der  gemeine  Soldat  tat  mechanisch  seine
Schuldigkeit.  Die  Massen  des  Volkes  blieben  kalt  und  gleichgültig;  nur  die  Alten,  die
den  großen  König  noch  gekannt,  vertrauten  fest  auf  die  scharfen  Fänge  des  preußischen
Adlers,  sprachen  prahlend  von  dem  Zug  nach  Paris.

„So  begann  der  einzige  gänzlich  verlorene  Feldzug  der  glückhaften  preußischen
Kriegsgeschichte.  Beispiellos  wie  das  Aufsteigen  dieses  Staates  gewesen,  sollten  auch
seine  Niederlagen  werden,  allen  kommenden  Geschlechtern  unvergeßlich  wie  selbsterlebtes
Leid,  allen  eine  Mahnung  zur  Wachsamkeit,  Duldung  und  Treue.  Napoleon  flammte
auf  in  wilder  Schadenfreude,  als  er  die  ruhmreichste  der  alten  Mächte  so  hilflos  unter
seinem  Griffe  sah;  die  Schmähungen  troffen  ihm  von  den  Lippen,  noch  niemals  war  er