Der  Rheinbund.  379

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sehnte  sich  fürs  erste  nur  nach  Winterquartieren,  und  die  Soldaten  wünschten  den
Schluß  eines  Krieges  herbei,  der  nichts  als  Leiden  und  Entbehrung  in  Aussicht  stellte.
Der  Kaiser  hätte  jetzt  gern  einen  Separatfrieden  mit  Preußen  geschlossen,  und  knüpfte
mit  dem  bis  nach  Memel  geflüchteten  König  Verhandlungen  an,  aber  der  bundestreue
ehrenhafte  Monarch  wies  die  Anträge,  ihn  von  seinen  Alliierten  zu  trennen,  entschieden
  zurück.

Indessen  hatte  der  Krieg  auch  in  den  andern  preußischen  Provinzen  seinen  Fortgang
  genommen,  und  so  schmachvoll  da  und  dort  gekämpft  und  zurückgewichen  wurde,
so  tapfer  und  heldenmütig  benahm  man  sich  doch  an  andern  Orten  wieder.  Namentlich
in  Schlesien  zeigte  sich  eine  mutige  und  patriotische  Begeisterung,  allein  gerade  von
seiten  der  oberen  Behörden  geschah  alles,  um  dieselbe  zurückzuhalten,  und  als  Major
Graf  Götzen  nach  Schlesien  kam,  da  war  schon  zu  viel  verloren.  Rasch  bemächtigte  sich
das  Rheinbundesheer  der  festesten  Plätze,  Glogau  kapitulierte,  beinahe  ohne  bestürmt  zu
werden,  Breslau  hielt  sich  einige  Wochen  hindurch,  mußte  sich  aber  am  Ende  doch  auch
dem  französischen  Belagerungsheer  unter  General  Vandamme  ausliesern.  Brieg  und
Schweidnitz  folgten.  Dagegen  hielten  die  kleinen  Festungen  Kosel  und  Glatz  monatelang
die  Belagerung  aus,  und  auch  Neiße  wehrte  sich  drei  Monate  lang,  doch  alle  anderen
Taten  des  verbündeten  Heeres  überstrahlte  die  heldenhafte  Verteidigung  der  kleinen  hinterpommerschen
  Festung  Kolberg.  Hier  in  der  treuen  Stadt,  die  schon  im  siebenjährigen
Kriege  dem  Feinde  dreimal  widerstanden  hatte,  stand  die  Wiege  des  neuen  preußischen
Waffenruhms,  hier  erwachte  zuerst  jener  heilige  Völkerzorn,  der  nach  sechs  argen  Jahren
die  Befreiung  der  Welt  erzwingen  sollte;  hier  trat  jener  Mann  auf  die  Bühne  der  Geschichte,
  der  herrlich  wie  kein  zweiter,  den  echten  preußischen  Soldatengeist,  schneidige
Verwegenheit  und  helle  Einsicht  in  sich  verkörperte.  Zwanzig  Jahre  der  Langeweile  im
subalternen  Garnisonsleben  hatten  Gneisenaus  jugendliche  Frische  nicht  gebrochen.

Gütig  und  wahrhaftig,  ganz  frei  von  Selbstsucht,  im  Innersten  bescheiden,  trotz
des  scharfen  Spottes,  womit  er  die  Dummheit  und  Gemeinheit  zu  treffen  wußte,  stand
er  auf  den  freien  Höhen  der  Bildung.  Sein  Blick  umfaßte  den  ganzen  Umkreis  der
Völkergeschicke  einer  ungeheuren  Zeit,  doch  der  Reichtum  der  Gedanken  beirrte  ihn
nicht  in  dem  frohen  Glauben,  daß  eines  starken  Volkes  Kräfte  unerschöpflich  seien,  störte
ihm  nicht  die  tollkühne  Lust  am  Wagen  und  am  Schlagen.  In  dem  Feuer  seiner  Blicke,
in  der  heitern  Majestät  seiner  Erscheinung  lag  etwas  von  jenem  Zauber,  der  einst  den
jungen  König  Friedrich  umstrahlte.  Wie  wurde  in  der  bedrängten  Festung  plötzlich  alles
anders,  als  der  unbekannte  Major  unter  die  Hoffnungslosen  trat,  aus  dem  buntscheckigen
Haufen  von  Versprengten,  den  er  als  Garnison  vorfand,  binnen  kurzem  eine  treffliche
siegesgewisse  Truppe  bildete  und  die  tapfere  Bürgerschaft,  den  waghalsigen  Seemann
Nettelbeck  voran,  zu  den  Arbeiten  der  Verteidigung  mit  heranzog.  „Ich  nahm  alles  auf
meine  Hörner,  so  erzählt  er  selbst,  verfuhr,  als  ein  unabhängiger  Fürst,  manchmal
etwas  despotisch,  kassierte  feigherzige  Offiziere,  lebte  fröhlich  mit  den  Braven,  kümmerte
mich  nicht  um  die  Zukunft  und  ließ  brav  donnern.“

Die  feindlichen  Generäle  bemerkten  mit  Erstaunen,  wie  hier  ein  genialer  Wille  eine
neue,  der  französischen  ebenbürtige  Kriegsweise  anwendete;  der  Verteidiger  wechselte  die
Rolle  mit  dem  Angreifer,  beunruhigte  die  Belagerer  durch  überraschende  Ausfälle,  warf
Erdwerke  im  freien  Feld  auf,  die  den  Feind  wochenlang  von  den  Wällen  der  Festung
fernhielten.