382  Das  Zeitalter  der  Befreiungskriege.

Dem  ganzen  großen  Deutschland,  soweit  die  deutsche  Zunge  klingt,  galt  seine  feurige
Liebe.  Keinen,  der  nur  jemals  von  der  Kraft  und  Großheit  deutschen  Wesens  Kunde
gegeben,  schloß  er  von  seinem  Herzen  aus;  als  er  im  Alter  im  freien  Nassau  einen  Turm
erbaute  zur  Erinnerung  an  Deutschlands  ruhmvolle  Taten,  hingen  die  Bilder  von
Friedrich  dem  Großen  und  Maria  Theresia,  von  Scharnhorst  und  Wallenstein  friedlich
nebeneinander.  Sein  Ideal  war  das  gewaltige  deutsche  Königtum  der  Sachsenkaiser;
die  neuen  Teilstaaten,  die  sich  seitdem  über  den  Trümmern  der  Monarchie  erhoben  hatten,
erschienen  ihm  samt  und  sonders  nur  als  Gebilde  der  Willkür,  heimischen  Verrats,  ausländischer
  Ränke,  reif  zur  Vernichtung,  sobald  irgendwo  und  irgendwie  die  Majestät  des
alten  rechtmäßigen  Königtums  wieder  erstände.  Sein  schonungsloser  Freimut  gegen  die
gekrönten  Häupter  entsprang  nicht  bloß  der  angeborenen  Tapferkeit  eines  heldenhaften
Gemüts,  sondern  auch  dem  Stolze  des  Reichsritters,  der  in  allen  diesen  fürstlichen  Herren
nur  pflichtvergessene,  auf  Kosten  des  Kaisertums  bereicherte  Standesgenossen  sah,  und
nicht  begreifen  wollte,  warum  man  mit  solchen  Zaunkönigen  so  viele  Umstände  mache.

„Er  hatte  die  rheinischen  Feldzüge  in  der  Nähe  beobachtet  und  die  Ueberzeugung
gewonnen,  die  er  einmal  der  Kaiserin  von  Rußland  vor  versammeltem  Volke  aussprach,
das  Volk  sei  treu  und  tüchtig,  nur  die  Erbärmlichkeit  seiner  Fürsten  verschulde  Deutschlands
  Verderben.  Er  haßte  die  Fremdherrschaft  mit  der  ganzen  dämonischen  Macht
seiner  naturwüchsigen  Leidenschaft,  die,  einmal  ausbrechend,  unbändig  wie  ein  Bergstrom
dahin  brauste;  doch  nicht  von  der  Wiederaufrichtung  der  verlebten  alten  Staatsgewalten
noch  von  den  künstlichen  Gleichgewichtslehren  der  alten  Diplomatie  erwartete  er  das  Heil
Europas.  Sein  freier  großer  Sinn  drang  überall  geradaus  in  den  sittlichen  Kern  der
Dinge.

Mit  dem  Blick  des  Sehers  erkannte  er  jetzt  schon,  wie  Gneisenau,  die  Grundzüge  eines
dauerhaften  Neubaus  der  Staatsgewalt.  Das  unnatürliche  Uebergewicht  Frankreichs,  so
lautete  sein  Urteil,  steht  und  fällt  mit  der  Schwäche  Deutschlands  und  Italiens;  ein  neues
Gleichgewicht  der  Mächte  kann  nur  erstehen,  wenn  jedes  der  beiden  großen  Völker  Mitteleuropas
  zu  einem  kräftigen  Staate  vereinigt  wird.  Stein  war  der  erste  Staatsmann,
der  die  treibende  Kraft  des  neuen  Jahrhunderts,  den  Drang  nach  nationaler  Staatenbildung
  ahnend  erkannte;  erst  zwei  Menschenalter  später  sollte  der  Gang  der  Geschichte
die  Weissagungen  des  Genius  rechtfertigen.  Noch  war  sein  Traum  vom  einigen  Deutschland
mehr  eine  hochherzige  Schwärmerei,  als  ein  klarer  politischer  Gedanke,  er  wußte  noch
nicht,  wie  fremd  Oesterreich  dem  modernen  Leben  der  Nation  geworden,  wollte  in  den
Kämpfen  um  Schlesien  nichts  sehen,  als  einen  beklagenswerten  Bürgerkrieg."

Auf  dem  Krankenbett  hatte  Stein  seine  Berufung  vom  König  erhalten  und  zögerte
keinen  Augenblick  dieselbe  anzunehmen,  vergessend  allen  Groll  und  alle  erlittene  Kränkung.
Der  König  legte  vertrauensvoll  die  Leitung  des  ganzen  Staatswesens  in  seine  Hände.
Noch  immer  machte  Napoleon  keine  Miene  das  Land  zu  räumen,  überall  wo  Franzosen
standen,  wurden  die  Einkünfte  von  diesen  mit  Beschlag  belegt,  Handel  und  Wandel
stockten,  eine  Kontribution  verdrängte  die  andere,  der  Staatskredit  war  vernichtet,  der
Adel  war  verarmt,  der  Mittelstand  wußte  kaum,  von  was  er  leben  sollte.

Mit  aller  ihm  zu  Gebote  stehenden  Energie  machte  sich  Stein  an  die  Resorm  des
gesamten  Staatswesens.  Das  am  9.  Oktober  1807  erschienene  Edikt  über  den  erleichterten
Besitz  und  den  freien  Gebrauch  der  Grundeigentümer  veränderte  mit  einem  Schlage  die
ständische  Ordnung,  die  einst  Friedrich  d.  Gr.  eingeführt  hatte.  Steins  Gesetzgebung