Preußens  Erhebung.  383

sollte  alles  entfernen,  was  dem  einzelnen  bisher  hinderte,  den  Wohlstand  zu  erwerben,
den  er  nach  dem  Maß  seiner  Kräfte  zu  erreichen  fähig  war.

Die  zweite  große  Aufgabe,  die  sich  Stein  stellte,  war  die  Vollendung  der  Staatseinheit.
  Ein  Gesetz  vom  5.  Dezember  1808  stellte  fünf  Fachminister  auf,  und  beseitigte
dadurch  das  Generaldirektorium.  Hieran  schloß  sich  die  Städteordnung  vom  12.  November.

Hand  in  Hand  mit  diesen  Verwaltungsreformen  ging  auch  die  Neuorganisation
im  Heere  fort.  Hierzu  gab  der  König  immer  den  ersten  Anstoß  und  hatte  mit  der
Ausführung  seiner  Gedanken  Scharnhorst  beauftragt.

„Scharnhorst,  so  schildert  ihn  Treitschke,  war  längst  der  anerkannt  erste  Militärschriftsteller,
  der  größte  Gelehrte  unter  den  deutschen  Offizieren,  aber  auch  ein  seltener
Reichtum  praktischer  Erfahrungen
stand  ihm  nach  einem  wechselreichen
Leben  zu  Gebot.  Er  hatte  in  allen
Waffengattungen,  im  Generalstabe
und  in  den  Militär-Bildungsanstalten
gedient.  Er  lernte,  als  er  auf  der
Kriegsschule  des  Wilhelmsteins  seinen
ersten  militärischen  Unterricht  empfing,
jene  berühmte  kleine  Mustertruppe
kennen,  welche  sich  der  geistvolle  alte
Kriegsheld  Graf  Wilhelm  von  Bückeburg
  aus  der  gesamten  waffenfähigen
Jugend  seines  Ländchens  gebildet
hatte.  Dann  wurde  er  als  hannoverscher
  Offizier  auf  dem  niederländischen
  Kriegsschauplatz  genau  vertraut
  mit  der  englischen  Armee,  die
unter  allen  europäischen  Heeren  noch
am  treuesten  den  Charakter  des  alten
Söldnerwesens  bewahrte;  er  zog  zu  E  4uP#  (
Felde  gegen  die  lockeren  Milizen  der  Freiherr  von  Stein.
Republik,  wie  gegen  das  wohlge—
schulte  Heer  Napoleons,  und  stand  im  Kriege  von  1806  der  Heeresführung  nahe  genug,
um  die  Gebrechen  der  friederizianischen  Armee,  die  letzten  Gründe  ihres  Untergangs
genau  zu  durchschauen.  Jene  stramme  soldatische  Haltung,  wie  sie  der  König  von  seinen
Offizieren  verlangte,  war  dem  einfachen  Niedersachsen  fremd.  In  unscheinbarer,  fast
nachlässiger  Kleidung  ging  er  daher,  den  Kopf  gesengt,  die  tiefen  sinnenden  Denkeraugen
ganz  in  sich  hinein  gekehrt.  Das  Haar  fiel  ungeordnet  über  die  Stirn  herab,  die  Sprache
klang  leise  und  langsam.  In  Hannover  sah  man  ihn  oft,  wie  er  an  dem  Bäckerladen
am  Tore  selbst  anklopfte  und  dann  mit  Weib  und  Kindern  draußen  unter  den  Bäumen
der  Eilenriede  zufrieden  sein  Vesperbrod  verzehrte.  So  blieb  er  sein  Leben  lang  schlicht
und  schmucklos  in  allem.  Die  Einfalt  des  Ausdrucks  und  der  Empfindung  in  seinen
vertraulichen  Briefen  erinnert  an  die  Menschen  des  Altertums;  auch  in  seinen  Schriften
ist  ihm  die  Sache  alles,  die  Form  nichts.  Doch  die  Ueberlegenheit  eines  mächtigen,  beständig
  produktiven  und  durchaus  selbständigen  Geistes,  der  Adel  einer  sittlichen  Ge-———5



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