384  Das  zeitalter  der  Befreinngsktiege.

sinnung,  die  gar  nicht  wußte,  was  Selbstsucht  ist,  verbreiteten  um  den  schlichten  Mann
einen  Zauber  natürlicher  Hoheit,  der  die  Gemeinen  abstieß,  hochherzige  Menschen  langsam
und  sicher  anzog.  Seine  Tochter,  Gräfin  Julie  Dohna,  dankte  dem  frühverwitweten
Vater  alles,  man  nannte  sie  eine  königliche  Frau  und  nahm  sie  in  der  vornehmen  Ge—
sellschaft  auf,  als  müßte  es  so  sein.“

„Dem  Könige  war  die  gleichmäßige  Ruhe  des  Generals  behaglicher,  als  Steins
aufgeregtes  und  aufregendes  Wesen.  Keiner  unter  seinen  Räten  stand  ihm  so  nahe.
Scharnhorst  erwiderte  das  Vertrauen  seines  königlichen  Freundes  mit  unbedingter  Hin—
gebung,  er  fand  es  niedrig,  jetzt  noch  vergangener  Fehler  zu  gedenken,  er  bewunderte
die  Seelenstärke  des  unglücklichen  Monarchen  und  hat  in  seiner  Treue  nie  geschwankt,
auch  dann  nicht,  als  manche  seiner  Freunde  in  ihrer  patriotischen  Ungeduld  an  dem  bedachtsamen
  Fürsten  irre  wurden.  Ein  echter  Niederdeutscher,  war  er  schamhaften  Gemüts,
still  und  verschlossen  von  Natur,  das
Lob  klang  ihn  fast  wie  eine  Beleidigung,
ein  zärtliches  Wort  wie  eine  Entweihung
der  Freundschaft.  Nun  führte  ihn  das
Leben  einen  rauhen  Weg,  immer  zwischen
Feinden  hindurch;  in  Hannover  hatte  der
Plebejer  mit  der  Mißgunst  des  Adels,  in
Preußen  der  Neuerer  mit  dem  Dünkel
der  alten  Generäle  zu  kämpfen.  Als  ihn
jetzt  das  Vertrauen  des  Königs,  die  allgemeine
  Stimme  der  Armee  an  die
Spitze  des  Heerwesens  stellte,  da  mußte
er  fünf  Jahre  lang  das  Handwerk  des
Verschwörers  treiben,  unter  den  Augen
des  Feindes  für  die  Befreiung  rüsten.
So  lernte  er  jedes  Wort  und  jede
Miene  beherrschen,  und  der  einfache
Mann,  der  für  sich  selbst  jeden  Winkel-Generalmajor

  von  Scharnhorst.  zug  verschmähte,  wurde  um  seines  Landes

willen  ein  Meister  in  den  Künsten  der

Verstellung,  ein  unergründlicher  Schweiger,  listig  und  menschenkundig.  Mit  einem
raschen,  forschenden  Blick  las  er  den  Eintretenden  sofort  die  Gedanken  vom  Auge  ab,
und  galt  es,  ein  Geheimnis  des  Königs  zu  verstecken,  dann  wußte  er  mit  halben  Worten
Freund  und  Feind  auf  die  falsche  Fährte  zu  locken.  Die  Offiziere  sagten  wohl,  seine
Seele  sei  so  faltenreich  wie  sein  Gesicht,  er  gemahnte  sie  an  jenen  Wilhelm  von  Oranien,
der  einst  in  ähnlicher  Lage,  still  und  verschlagen,  den  Kampf  gegen  das  spanische  Weltreich
  vorbereitet  hatte.  Und  wie  der  Oranier,  so  barg  auch  Scharnhorst  in  verschlossener
Brust  die  hohe  Leidenschaft,  die  Kampflust  des  Helden;  sie  hatte  ihm  während  des  jüngsten
Krieges  die  Freundschaft  des  tatenfrohen  Blücher  erworben.  Er  kannte  die  Furcht  nicht,
er  wollte  nicht  wissen  wie  sinnbetörend  die  Angst  nach  einer  Niederlage  wirken  kann;
in  den  Kriegsgerichten  war  sein  Urteilsspruch  immer  der  strengste,  schonungslos  hart
gegen  Zagheit  und  Untreue.  Niemand  vielleicht  hat  die  Bitternis  jener  Zeit  in  so
verzehrenden  Qualen  empfunden,  wie  dieser  Schweigsame;  Tag  und  Nacht  folterte  ihn