Preußens  Erhebung.  387

gelang  es  den  Engländern  unter  Wellesley  gleichfalls  eine  französische  Armee  unter  Junot
zur  Waffenstreckung  zu  zwingen.  Napoleon  mußte  voraussichtlich  selbst  nach  Spanien,
um  die  Halbinsel  zu  unterwerfen,  und  auf  Grund  dieser  Hoffnung  suchten  sich  Oesterreich
und  Preußen  wieder  einander  zu  nähern.

Stein  sah  jetzt  die  Erfüllung  seiner  teuersten  Hoffnungen  nahe  gerückt,  und  gab
seine  diplomatische  Zurückhaltung  auf.  Es  stand  zu  erwarten,  daß  Napoleon  sich  entweder
sogleich  auf  Oesterreich  stürzen  oder  die  große  Armee  aus  Norddeutschland  abrufen  würde,
um  zunächst  den  spanischen  Aufstand  zu  bändigen.  In  beiden  Fällen  schien  dem  kühnen
Patrioten  eine  plötzliche  Erhebung  der  deutschen  Mächte  möglich.  Seine  edle  Leidenschaft
  erhob  sich  zu  verwegenen,  unmöglichen
  Flügen;  unter  schwarzweiß-gelbem
  Bundesbanner,  mit  den
Namen  der  Befreier  der  Nation
Hermann  und  Wilhelm  von  Oranien
auf  den  Fahnen,  sollten  die  Truppen
ins  Feld  ziehen.  Und  dies  in  einem
Augenblicke,  da  die  alte  preußische
Armee  noch  in  der  französischen  Kriegsgefangenschaft
  weilte.  Stein  zählte
auf  die  gesunde  Krast  der  Bauern  und
des  Mittelstandes;  von  der  „Weichlichkeit
  der  oberen  Stände  und  dem
Mietlingsgeist  der  öffentlichen  Beamten“
  hoffte  er  wenig.  Um  den
Ehrgeiz  der  Nation  zu  entflammen,
wollte  der  ahnenstolze  Freiherr  sogar
den  alten  Geburtsadel  abschaffen
und  einen  neuen  Adel  bilden  aus
allen,  die  sich  in  diesem  heiligen
Kriege  hervortaten.  Was  Wunder,
daß  der  tapfere  Mann  selbst  manchem
ehrlichen  Patrioten  in  Königsberg  wie
ein  Verzweifelter  erschien,  der  sich
mit  dem  Könige  auf  eine  Pulvertonne
setzen  wollte.  Die  enge  und  harte  Despotenseele  des  Kaiser  Franz  hatte  keinen  Sinn  für
so  überschwängliche  Entwürfe,  doch  da  Napoleons  Sprache  gegen  das  Haus  Lothringen
von  Tag  zu  Tag  drohender  und  gereizter  wurde,  so  ließ  es  die  Hofburg  geschehen,  daß
die  preußische  Kriegspartei  unter  der  Hand  mit  österreichischen  Diplomaten  in  Verbindung
trat.  In  Teplitz  fand  sich  ein  Kreis  österreichischer  und  preußischer  Patrioten  zusammen;
Graf  Gontzen  in  Schlesien  und  die  hannoverischen  Diplomaten  Hardenberg  und  Ompteda
entfalteten  eine  emsige  geheime  Tätigkeit.  So  gering  das  augenblickliche  Ergebnis  blieb,
mit  diesen  vertraulichen  Verhandlungen  des  Sommers  1808  begann  doch  die  Wiederversöhnung
  der  beiden  Großmächte.  Man  erkannte  mindestens,  daß  eine  Verständigung
möglich  sei;  die  Gedanken  des  Bartensteiner  Vertrags  gewannen  einigen  Boden.

Aber  alle  seine  Pläne  wurden  durch  einen  unvorsichtigen  Schritt  vereitelt.  Den

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Vork.