Gesterreich  und  Napoleon.  389

sturzpläne  der  Tugendbündler  und  ließ  den  „Jakobiner“  strenge  bewachen.  Nur  dann
und  wann  durfte  Stein  den  kaiserlichen  Staatsmännern  einen  Rat  erteilen.  In  Troppau
verkehrte  er  viel  mit  Pozzo  di  Borgo:  der  persönliche  Feind  des  Hauses  Bonaparte,
den  die  Rachgier  korsischer  Vendetta  ruhelos  von  Land  zu  Land  peitschte,  und  der  erste
Mann  der  deutschen  Nation  fanden  sich  zusammen  in  gemeinsamem  Hasse.  Drei  Jahre
lang  blieb  der  Geächtete  ohne  politischen  Einfluß.  Es  war  die  Zeit,  da  Gneisenau  die
entsetzlichen  Worte  schrieb:  „Wir  dürfen  es  uns  nicht  verhehlen,  die  Nation  ist  so  schlecht
wie  ihr  Regiment.“  Auch  Stein  unterlag  während  dieser  Jahre  des  Harrens  zuweilen
der  Verbitterung  des  Emigranten;  er  verlebte  Augenblicke,  da  er  an  dem  unverbesserlichen
  Phlegma  des  nördlichen  Deutschen  verzweifelte  und  trostlos  schrieb:  möge  denn
Preußen  untergehen.  So  fest  wie  sein  König  oder  Hardenberg  war  dieser  Reichsritter
doch  nicht  mit  dem  Staate  Friedrichs  verwachsen;  zur  Not  konnte  er  sich  sein  verjüngtes
Deutschland  auch  ohne  Preußen  denken.  Jetzt  sah  er  in  Europa  nur  noch  zwei  große
Heerlager:  dort  das  Weltreich,  hier  die  Freiheit  der  Völker;  mochten  alle  Teilfürsten  und
selbst  die  Hohenzollern  versinken,  wer  immer  den  Deutschen  die  Befreiung  brachte,  der
sollte  des  Reiches  Krone  tragen.  Erst  das  Frühjahr  1813  hat  den  heißblütigen  Franken
wieder  ausgesöhnt  mit  dem  norddeutschen  Volke,  und  ihn  für  immer  der  preußischen
Sache  gewonnen.

Sofort  nach  seiner  Entfernung  gerieten  seine  Reformpläne  ins  Stocken.  Der
beginnenden  Reaktion  wirksam  entgegenzutreten,  dazu  fehlte  ihnen  der  nötige  Mut  und
die  gehörige  Entschlossenheit.  Wilhelm  von  Humboldt  an  der  Spitze  des  Unterrichtswesens
und  Scharnhorst,  der  das  Kriegswesen  leitete,  wurden  allenthalben  durch  Gleichgiltigkeit
und  Intriguen  in  ihrem  Werke  gehindert.  Ebenso  war  die  auswärtige  Politik  in  einer
denkbar  traurigen  Leitung,  und  diese  Umstände  führten  endlich  zur  Berufung  Hardenbergs,
der  von  da  an  12  Jahre  lang  die  preußischen  Staatsgeschäfte  leitete.

Oesterreich  und  llopoleon.

Alle  gutgesinnten  Oesterreicher  hatten  den  Frieden  von  Preßburg  immer  als  einen
Waffenstillstand  angesehen.  „Kinder,  ruht  euch  aus,  bis  wir  wieder  anfangen“,  hatte
Erzherzog  Karl  seinen  Leuten  bei  ihrer  Entlassung  zugerufen,  und  auch  die  Worte  des
Kaisers  beim  Friedensabschluß  hatten  einen  neuen  Feldzug  in  Aussicht  gestellt.  Und  als
bald  nach  demselben  Graf  Johann  Philipp  von  Stadion  die  Leitung  der  österreichischen
Staatsgeschäfte  übernahm,  gewann  der  Gedanke  an  Krieg  immer  mehr  Ausdehnung.
Wie  in  Preußen  Stein,  so  sorgte  er  in  Oesterreich  für  eine  vollständige  Reorganisation
der  Verwaltung  und  des  Heeres  und  suchte  trotz  allen  Widerstandes,  der  sich  ihm  entgegensetzte,
  Unterricht  und  Aufklärung  zu  fördern.  Der  spanische  Volkskrieg  belebte  auch
in  Oesterreich  den  Mut  und  die  patriotische  Begeisterung  aufs  Neue,  Napoleons  Gewaltstreich
  in  Italien,  seine  Stellung  in  Deutschland,  gaben  in  Wien  mehr  und  mehr  Veranlassung
  zur  Besorgnis  für  die  eigene  Existenz  des  eigenen  Staates  und  da  Napoleon
mit  dem  preußisch-russischen  Krieg  beschäftigt  war,  ergriff  man  die  Gelegenheit,  das  Reich
so  zu  organisieren,  daß  es  einem  gewaltigen  Sturm  widerstehen  konnte.