390  Das  geitalter  der  Befreinngskriege.

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In  allen  Provinzen  nahm  man  Heeresorganisationen  vor,  zu  der  stark  vermehrten
aktiven  Armee  kam  eine  Reserve  von  100  000  Mann.  Das  ganze  Reich  glich  einem
großen  Heerlager.  Napoleon  entging  natürlich  diese  kriegerische  Bewegung  in  Oesterreich
nicht,  und  kaum,  daß  er  in  Spanien  wieder  Ruhe  geschafft  hatte,  so  eilte  er  seine  Pläne
gegen  Oesterreich  ins  Werk  zu  setzen.  Schon  im  Jahre  1809  hatte  er  von  Spanien  aus
dem  Rheinbund  befohlen,  sich  marschbereit  zu  halten,  und  hatte  die  Korps  von  Davoust
und  Oudinot  gegen  die  obere  Donau  marschieren  lassen.  Ende  Jannuar  war  er  selbst
wieder  in  Paris.  Höhnisch  schrieb  er  seinen  Vasallen,  die  Donau  scheine  ein  Lethestrom
  geworden  zu  sein,  da  man  in  Oesterreich  alle  früheren  Niederlagen  vergessen  habe.
Er  wollte  den  Krieg  bis  zum  Frühjahr  hinauszögern,  da  er  zudem  nicht  als  der  Angreifer,
  sondern  als  der  Angegriffene  erscheinen  wollte,  weil  Rußland  nur  für  einen  Verteidigungskrieg
  seine  Hilfe  zugesagt  hatte.

In  dem  alten  Oesterreich  gärte  eine  ungeheure  Aufregung;  jedermann  meinte  den
Augenblick  einer  großen  Entscheidung  gekommen.  Freilich  war  in  der  liebenswürdigen
ritterlichen  Natur  des  Grafen  Stadion  keine  Ader  von  reformatorischer  Größe;  an  seinem
Franzosenhafse  hatte  der  Standesstolz  der  mediatisierten  Reichsgrafen  starken  Anteil.
Immerhin  kam  unter  seiner  Leitung  ein  etwas  freierer  und  milderer  Geist  in  die  Verwaltung.
  Noch  mehr  hatte  das  Heer  unter  der  Führung  des  Erzherzogs  Karl  gewonnen.
Wohl  gerüstet  wie  seit  Jahren  nicht,  konnte  Oesterreich  die  Waffen  erheben.  Mit  hellem
Jubel  eilten  die  Landwehrmänner  zu  den  Fahnen.  Uleberall,  vornehmlich  unter  den
deutschen  Stämmen,  festes  Vertrauen  zu  dem  alten  Kaiserhause,  freudige  Bereitwilligkeit
zu  jedem  Opfer.  Das  Jahr  1809  wurde  das  schönste  der  österreichischen  Geschichte;
die  an  Tapferkeit  so  reichen,  an  Genie  und  Begeisterung  so  armen  Annalen  des  kaiserlichen
  Heeres  sollten  doch  noch  einmal  einige  glänzende  Züge  echten  Heldentums  aufweisen.
  Wohl  war  es  undenkbar,  daß  diese  durch  die  Unterdrückung  alles  Volkstums
emporgewachsene  habsburgische  Hausmacht  den  Kampf  für  die  Freiheit  der  Völker  ehrlich
durchfechten  sollte;  es  lag  eine  grausame  Ironie  darin,  daß  Erzherzog  Karl  in  einem
schwungvollen  Aufruf  an  die  Deutschen  die  fragwürdige  Behauptung  aufstellte:  „mit
Oesterreich  war  Deutschland  selbständig  und  glücklich“;  und  gleichzeitig  sein  Bruder
Johann  den  Italienern  sagte,  sie  seien  heute  keine  Italiener  mehr,  nur  durch  Oesterreich
könnten  sie  ihre  Freiheit  wieder  erlangen.  Der  heilige  Zorn  der  Patrioten  im  Reiche
hatte  kein  Auge  für  solche  Widersprüche.  Die  alte  Kaisertreue  unseres  Volkes  erwachte
von  neuem;  man  wollte  vergessen,  daß  dieserhalben  Kaiser  Franz  vor  drei  Jahren  erst
sein  hohes  Amt  kaltsinnig  preisgegeben,  daß  sein  neues  Kriegsmanifest  mit  keiner  Silbe
von  der  Herstellung  des  Reiches  sprach.  Genug,  daß  es  das  Schwert  zog  gegen  ein
System,  das  kein  anderes  Gesetz  als  das  seine  in  Europa  anerkennt.“  An  seine  Fahnen
schien  jetzt  das  Schicksal  des  ganzen  Volkes  angekettet,  ihm  Heerfolge  zu  leisten,  hieß
jetzt  deutsche  Ehrenpflicht  selbst  unter  den  Norddeutschen,  die  bisher  von  Kaiser  und
Reich  kaum  gesprochen  hatten.

Wohl  war  der  Krieg  für  Oesterreich  unvermeidlich,  allein  er  wurde  leichtsinnig  und
vorzeitig  begonnen.  Die  zuversichtlichen  Berichte  des  Grafen  Metternich  aus  Paris
erweckten  den  Gedanken,  daß  man  mit  seinen  Streitkräften  Napoleon  weit  überlegen  sei,
man  achtete  nicht  auf  die  Warnung  des  Zaren  und  teilte  in  Berlin  und  London  den
Entschluß  zum  Kriege  erst  so  spät  mit,  daß  England  wie  Preußen  am  Anfang  des  Feldzuges
  garnicht  mitwirken  konnten.  Andererseits  fehlte  dann  wiederum  Erzherzog  Karl