Oesterreich  und  Napoleon.  391

durch  zu  bedachtsames  Zaudern.  Durch  ein  kühnes  Manöver  hätte  er,  da  die  Hauptmacht
der  französischen  Armee  noch  gar  nicht  da  war,  und  ihm  demnach  nur  Rheinbündler  gegenüberstanden,
  den  Kriegsschauplatz  leicht  nach  Schwaben  verlegen  können.  Allein  indessen
er  seine  gesammelte  Armee  schulte,  verlor  er  Zeit,  und  während  desselben  war  Napoleon
schon  selbst  herangekommen,  um  sein  Hauptquartier  unter  den  bayrischen  Regimentern  zu
nehmen.  Von  neuem  flammte  bei  den  Bayern  der  alte  Stammeshaß  gegen  Oesterreich
auf,  als  ihnen  der  Imperator  versprach,  sie  zum  Sieg  gegen  ihren  Todfeind  zu  führen.
Die  Wiederaufrichtung  des  deutschen  Kaisertums  der  Habsburger  gelte  es  zu  verhindern,
verkündigte  er  ihnen,  und  nun  erst  zeigte  sich  die  Bedeutung  des  Rheinbundes  für
Napoleon,  der  ihm  allein  den  Sieg  in  diesem  Feldzug  zusicherte.

Eine  Reihe  von  glänzenden  Gefechten  brachte  Napolcon  einen  Sieg  um  den  andern
und  zwang  den  Erzherzog  nach  einem  fünftägigen  Feldzug  sich  nach  Böhmen  zurückzuziehen.
  Trotz  aller  dieser  Unglücksfälle  aber  war  die  moralische  Kraft  der  Oesterreicher
nicht  gebrochen.  Die  Franzosen  folgten  den  Gegnern  auf  dem  Fuße  und  standen  am
10.  Mai  vor  den  Mauern  Wiens,  aus  welchem  der  Hof  mit  all  seinen  Schätzen  geflohen
war.  Mit  den  wenigen  Truppen,  die  Erzherzog  Maximilian  zur  Verfügung  hatte,  konnte
er  nicht  an  einen  langen  Widerstand  denken,  und  nachdem  zuerst  die  Vorstädte  und  dann
die  Altstadt  geräumt  war,  streckte  die  Garnison  am  13.  Mai  die  Waffen.  Napoleon  zog
zum  zweiten  Male  in  Wien  ein,  erklärte,  die  Stadt  in  seinen  ganz  besonderen  Schutz
nehmen  zu  wollen,  und  die  Hauptstadt,  welche  die  Fürsten  aus  dem  Hause  Lothringen
wie  Meineidige  verlassen  hatten,  empfahl  er  ostentativ  der  Humanität  seiner  Soldaten.
An  die  Ungarn  erging  ein  Aufruf  sich  zu  einem  Nationalreichstag  zu  vereinigen,  einen
eigenen  König  zu  wählen,  die  alte  Unabhängigkeit  zu  erringen,  und  vereint  eine  selbständige
  Nation  zu  werden.

Allein  nicht  nur  widerstanden  die  Ungarn  diesen  verlockenden  Aussichten,  es  gelang
auch  der  österreichischen  Armee  auf  der  Nordseite  der  Donau  Stellungen  zu  nehmen,  die
den  Feind  in  seinen  weiteren  Plänen  hinderte.  In  der  zweitägigen  Schlacht  bei  Aspern
und  Eßling  am  21.  und  22.  Mai  1809  rangen  Franzosen  und  Oesterreicher  in  erbittertem
Kampfe  mit  einander,  so  daß  die  Franzosen  sich  nach  der  Lobau  zurückziehen  und  die  Versolgung
  des  Feindes  für  einige  Wochen  aufgeben  mußten.

Von  beiden  Seiten  wurde  mit  gleicher  Wut  und  Erbitterung  gekämpft;  Erzherzog
Karl  hatte  selbst  die  Fahne  des  Regiments  Zach  ergriffen  und  seine  Kolonnen  gegen  den
Feind  geführt.  Mehr  als  15  000  Franzosen  sielen  in  dieser  Schlacht,  die,  wenn  auch
unentschieden,  doch  viel  dazu  beitrug,  den  Glauben  an  Napoleons  Unüberwindlichkeit  zu
erschüttern  und  das  Selbstvertrauen  des  gedrückten  Volkes  von  neuem  zu  heben.  Auf
der  Donauinsel  Lobau  drängte  sich  das  ganze  französische  Heer  zusammen.  Es  läßt  sich
denken,  in  welchem  Zustande,  abgeschnitten  vom  rechten  Ufer  des  Stromes,  zurückgeworfen
vom  linken,  ohne  Nahrung,  ohne  Munition,  ohne  Raum  sich  auszudehnen.  Die  ermatteten
Truppen  durchlebten  zwei  furchtbare  Tage,  bis  die  Verbindung  mit  dem  rechten  Ufer
wieder  gesichert  und  für  die  Bedürfnisse  der  Soldaten  völlig  gesorgt  war.  Um  den
Hunger  zu  stillen,  schlachtete  man  Pferde,  den  Durst  löschten  viele  mit  dem  dicken
lehmigen  Wasser  der  angeschwollenen  Donau,  auf  welchem  tausende  von  Leichen  vorüberschwammen.
  „In  dieser  Lage,  schrieb  damals  ein  Augenzeuge,  hätte  vielleicht  die  ganze
Armee  sich  ergeben  für  Brot,  Salz  und  trinkbares  Wasser.“  Allein  Erzherzog  Karl  ließ
die  sich  ihm  bietende  Gelegenheit,  die  französische  Armee  nun  zu  schlagen,  vorbeigehen,